Donnerstag, 18. Juni 2009

"Ordnung im Chaos" - Unser Verlangen nach Struktur beeinflusst unsere Entscheidungen

Teil 1 - z.B. bei Wertpapieren


Haben Sie sich jemals gefragt, wie Aberglaube entsteht? Oder wie Verschwörungstheorien entstehen? Oder warum Börsenkurse sich manchmal völlig irrational verhalten?

Wir Menschen versuchen ständig, Ordnung in das Chaos dieser Welt zu bringen. Damit wir sie verstehen können, damit wir unser Verhalten an äußere Bedingungen anpassen können, damit wir Gefahren vorhersagen können. Unser Bedürfnis nach Ordnung geht sogar so weit, dass wir, wenn uns objektive Fakten fehlen, die Sterne um Rat fragen - eigentlich sinnlos, aber es gibt uns ein gutes Gefühl. Ein Gefühl der Kontrolle.

Und wann brauchen wir dieses Gefühl am meisten? Richtig. Wenn wir die Kontrolle verloren haben. Das heißt, wenn wir das Gefühl haben, dass wir fremdgesteuert werden, dass nichts, was wir tun, auch nur irgendetwas ändert und alles eigendynamisch in eine zufällige Richtung steuert. Welche phänomenalen Auswirkungen Kontrollverlust auf unser Ordnungsbedürfnis haben kann wurde jetzt wissenschaftlich untersucht.

Aber machen wir zunächst einen kleinen Test. Was erkennen Sie?



Nichts? Gut so. Die Punkte sind nämlich chaotisch verteilt. Lässt man seiner Fantasie eine Zeit lang freien Lauf, so erkennt man mit der Zeit sicher das ein oder andere Muster. Das ist normal und kann sogar Spaß machen.

Jennifer Whitson und Adam Galinsky von der Universität in Austin (Texas) hatten eine andere Hypothese: Je geringer unser Kontrollgefühl, desto verzweifelter versucht unser Gehirn, Ordnung in die Welt zu bringen. Deshalb sollten Menschen, denen während ihrer Experimente das Gefühl von Kontrollverlust vermittelt worden war*, schneller irgendwelche Dinge, Bilder oder Muster in ihren chaotischen Punktwolken erkennen als in einem entspannten Zustand.
Das zeigte sich auch.

Doch Whitson und Galinsky gingen noch einen Schritt weiter. Und hier wird das Experiment interessant: Sie lieferten ihren Probanden zufällig ausgewählte Statements über Börsenkurse. Diejenigen Versuchsteilnehmer, die über ein geringeres Kontrollgefühl verfügten, sahen in den zufälligen Statements eher Zusammenhänge und Trends als die anderen Versuchsteilnehmer. Sie waren auch eher zu Entscheidungen über Kauf und Verkauf bereit.


Gerade in der aktuellen Wirtschaftskrise könnten Gefühle von Kontrollverlust eine wichtige Rolle spielen. Jennifer Whitson: 'Das wachsende Gefühl von Kontrollverlust bei Börsenhändlern und Investoren hat das Chaos nur noch verstärkt. Menschen reagieren in solchen Situationen besonders irrational und machen selbst wichtige Entscheidungen etwa von ihrem Horoskop und kleinen Ritualen abhängig.'


Lesen Sie nächste Woche, wie mangelndes Kontrollgefühl die Entstehung von Aberglauben begünstigt und wie wir unsere Entscheidungen verbessern können, indem wir unser Kontrollgefühl wiederherstellen.



*ein geringes Kontrollgefühl kann ausgelöst werden, indem man den Versuchspersonen zuvor unlösbare Logik-Aufgaben gibt oder sie einfach ihre Erfahrungen in unkontrollierbaren Situationen erinnern lässt.





gepostet i. A. von Dr. Stephan Lermer


Quelle: Whitson, J. & Galinsky, A (2008). Lacking control increases illusory pattern perception. Science, 322, pp.115-117

Mittwoch, 17. Juni 2009

Psychologische Begriffe: "Part-List-Cuing"

Meine Einkaufsliste: 'Mehl, Toast, Butter, WC-Reiniger, Frischhaltefolie, Kerzen, Sekt. Was noch? Äh...hm... Irgend etwas wollte ich doch noch aufschreiben!? Also nochmal: Mehl, Toast, Butter, WC-Reiniger, Frischhaltefolie, Kerzen, Sekt. Hm. Naja, fällt mir schon wieder ein.'

Kennen Sie das? Geben Sie es zu.
Die obigen Zeilen sind ein Beispiel für einen Gedächtniseffekt, der bei allen Menschen existiert. Forscher sprechen dabei von "Part-List-Cuing" ('PLC') und meinen damit das Phänomen, dass zuvor gelernte Informationen nicht mehr aus dem Gedächtnis abgerufen werden können, sobald viele ähnliche Informationen vorhanden sind.


Ein Beispiel aus dem Büroalltag: 'Meier anrufen wegen Kommission Wagner, Frau Schulz und Herrn Müller briefen wegen des Meetings um 12, Besprechungstermin mit Tanja um 4, Handwerker kontaktieren wegen der Küche, Tommy heute abend schon um 6 Uhr zum Sport bringen und...' ja, da war noch etwas. Fällt einem bestimmt auf dem Rückweg ein - eventuell erst, wenn es zu spät ist.

Warum fallen uns wichtige Dinge gerade jetzt nicht ein, obwohl uns ganz ähnliche Informationen bereits vorliegen? Warum vergessen wir beim Betrachten unserer Einkaufsliste manche der Dinge, die wir uns noch aufschreiben wollten, obwohl wir doch ganz ähnliche Dinge bereits aufgeschrieben haben und uns diese Dinge doch eigentlich helfen sollten, die anderen zu erinnern?

Fest steht: gerade weil sie dort stehen, wirken sie sich negativ auf unsere Erinnerung aus! Wodurch dieser seltsame Effekt zustande kommt ist bis heute nicht geklärt. Vieles spricht aber dafür, dass beim Abruf vieler ähnlicher Informationen (das heißt: beim Erkennen oder auch beim Erinnern) die eigentlich gesuchten Erinnerungen aktiv gehemmt werden.

Warum um alles in der Welt? Es wäre doch definitiv vorteilhafter, wenn wir immer alles 'parat' hätten und uns ohne nachzudenken erinnern könnten. Allein: Die bewusste menschliche Informationsverarbeitungskapazität ist begrenzt (siehe unseren Blog-Beitrag vom 19.März, incl. Video zum Selbsttest!). Wir können uns nicht auf beliebig viele Dinge gleichzeitig konzentrieren.

Sehen wir also unsere Einkaufsliste oder den Terminkalender durch, so verarbeiten wir in diesem Moment bewusst die Informationen, die wir eben gerade anschauen. Für die eigentlich relevanten Dinge ist damit 'kein Platz'. Auf Grund ihrer Ähnlichkeit 'drängen' sie allerdings gewissermaßen zur bewussten Verarbeitung. Die paradoxe Folge: Sie werden aus dem momentan bewussten Teil des Gedächtnisses gelöscht und ihre Repräsentation im Gedächtnis wird abgeschwächt. Zumindest zeitweise, was auch der Grund dafür ist, dass uns die wichtigen Dinge später wieder einfallen.

Die Lösung des Part-List-Cuing-Problems sind Gedächtnisstrategien, die im Prinzip jeder anwenden kann. Verbinden wir neue Informationen schon beim Einprägen stark mit den bereits vorhandenen Infos - zum Beispiel durch bildhafte Vorstellung - werden diese Informationen in unserem Gedächtnis als Einheit repräsentiert und können vollständig wieder abgerufen werden.

Auch die berühmte LOCI-Methode kann helfen, sich Informationen im Verbund vorzustellen und mit bereits bestehendem Wissen zu integrieren. Eine Kurzanleitung zur LOCI-Technik finden Sie hier (Wikipedia)

Das Wichtigste zum Schluss: Forscher sprechen von 'funktionierendem Part-List-Cuing' und werten das Phänomen als Indikator für ein gesundes Gedächtnis. Der Sinn des PLC ist vermutlich, dass wir uns ohne Ablenkung auf die vorliegenden Informationen konzentrieren können.

Allerdings ist es für uns alle von Vorteil, wenn wir unser gesundes Gedächtnis von Zeit zu Zeit überlisten.


gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Montag, 15. Juni 2009

Tun oder Nichttun? - Was bereuen wir mehr?

In jeder Entscheidungssituation besteht die Möglichkeit, dass wir uns falsch entscheiden.
Gerade bei Entscheidungen unter Unsicherheit kommt es dabei häufig vor, dass wir uns von unserem 'Bauchgefühl' leiten lassen. Wichtig für unser Bauchgefühl ist vor allem, wie es sich anfühlt, wenn etwas schief gehen würde: 'Antizipiertes Bedauern' einer Entscheidung.


Oft genug entscheiden wir uns deshalb gegen eine Alternative: Weil wir uns die Folgen möglicher Weise so weitreichend und schlimm vorstellen, dass wir uns schlicht 'nicht trauen'.


Ein Beispiel: Wenn ich Anna frage, ob sie mit mir ausgeht, sagt sie vielleicht 'nein'. Sie könnte meine Avancen gemeinsamen Bekannten erzählen. Das wäre mir peinlich. Ich glaube, das würde ich lange bereuen. Ich frage sie besser nicht...

Ein anderes Beispiel: Die Investition in Papiere der HeadStart AG ist mit erheblichen Risiken und Unsicherheit verbunden. Das Geschäftsmodell ist allerdings innovativ und vielversprechend. Wenn ich jetzt kaufe, werde ich aber schlimmsten Falls sogar auf den Skiurlaub verzichten müssen. Was werden meine Frau und meine Kinder dazu sagen? Ich lasse es lieber, die Investition würde ich bereuen...


Antizipiertes Bedauern hat also eine zentrale Bedeutung für unsere Entscheidungen. Aber ist es auch angebracht? Was würde uns letztendlich mehr reuen? Etwas getan zu haben oder etwas unterlassen zu haben?


Fragt man die Menschen einige Zeit nach ihren Entscheidungen, was sie mehr bereuen, bekommt man einen interessanten zeitlichen Zusammenhang:

Kurzfristig
bedauern wir falsche Entscheidungen für Taten mehr als Entscheidungen gegen bestimmte Handlungen. Haben wir etwas falsch gemacht, werden wir eben in der Regel unmittelbar mit den negativen Konsequenzen unserer Handlungen konfrontiert. Und genau das erwarten wir ja auch vorher beim 'Antizipierten Bedauern'.

Allerdings: Wenn Personen
längerfristig auf ihr Leben zurückblicken, dann bereuen sie in der Regel Dinge, die sie nicht getan haben. Das berühmte "Ach, hätte ich doch..." oder "Wenn ich nur damals..." kennt sicher jeder. Mit der Zeit bereuen wir also Entscheidungen gegen Taten mehr.

Warum? Weil die möglichen Konsequenzen von Dingen, die wir nicht getan haben , unendlich sind. Es gibt immer neue Ereignisse im Leben, die anders hätten verlaufen können, wenn wir uns damals für X entschieden hätten. Das Bereuen von Nicht-Handlungen betrifft uns also für längere Zeit. Dafür ist es aber nicht so intensiv, wie das kurzfristige Bereuen von Handlungen, deren Konsequenzen wir erleiden müssen.

Das Leben ist Entscheiden. Wer sich in bestimmten Situationen nicht von objektiven Fakten leiten lassen kann, entscheidet oft aus dem Bauch heraus. Und zu oft dagegen. Weil die unmittelbaren Folgen oft mehr beachtet werden als die langfristigen. Oft genug kann man aber das Experiment wagen: Auch einmal über unmittelbare Risiken hinausblicken. Die Chancen sehen. Visionen entwickeln. Den Wert von Veränderung erfahren.


Und die langfristigen Folgen riskieren, die beim Unterlassen von bestimmten Handlungen auftreten könnten - ihnen denselben Raum lassen, wie den kurzfristigen Folgen unserer Entscheidungen.




gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Mittwoch, 10. Juni 2009

Psychologische Begriffe: "Metakommunikation" - Gespräche optimieren

Metakommunikation bedeutet 'Kommunikation über Kommunikation'. Die Gesprächspartner wechseln dabei in einer Debatte die Perspektive und sehen sich ihre Kommunikationssituation 'von oben' an.

Ein einfaches Beispiel: "Ich ärgere mich darübert, dass du mich die ganze Zeit unterbrichst. Wie sollen wir so vernünftig diskutieren?" Man steigt also aktiv aus der Diskussion aus und zwingt den Gesprächspartner, zusammen kurz über den Gesprächsprozess zu reflektieren. Metakommunikation ist damit eine selbst vorgenommene Analyse der Kommunikationssituation mit dem Ziel, Kommunikationsprobleme zu verdeutlichen, deren Ursachen zu ergründen und sie zu lösen.

Ein anderes Beispiel. Meeting: "Momentan verläuft die Diskussion nur zwischen uns beiden. Möchten die anderen Teilnehmer auch etwas beitragen? Finden Sie das Gespräch zielführend, langweilen Sie sich oder sind Sie ganz anderer Meinung?" Nun sind die anderen Teilnehmer aufgefordert, sich zum Verlauf der Diskussion zu äußern. Ziel ist, alle wieder in die Diskussion einzubinden.

Und nun betreiben wir einmal 'präventive Metakommunkation': Wie sollte man allgemein Kommunikationssituationen strukturieren, damit sie effizient und effektiv verlaufen? Aus der Forschung zur Metakommunikation lassen sich einige einfache Handlungsempfehlungen ableiten, die im Vorfeld jeder Diskussion geklärt werden können:
  • Einander zuhören und ausreden lassen
  • Aktiv zuhören: Nachfragen, Verständnis signalisieren, Paraphrasieren.
  • Sich gegenseitig zu verstehen geben, wie das Gespräch empfunden wird.
  • Thematisch am gerade Gesagten anknüpfen
  • Beschimpfungen und Sarkasmus vermeiden
  • "Ich-Botschaften" statt "Du-Botschaften" senden
  • Den anderen die Chance geben, die eigene Position besser zu verstehen
Angewandte Forschung hat gezeigt, dass sich Gesprächsrunden sehr rasch optimieren lassen, wenn man diese Punkte vorab klärt und sich nach den Gesprächen kurz darüber austauscht, ob sie eingehalten worden sind. Zusätzlich kann man die Effizienz von Gruppendiskussionen um ein Vielfaches steigern, wenn man einen Moderator bestimmt, der während der Diskussion die Einhaltung der Kommunikationsregeln überprüft und bei Verletzungen regulierend eingreift.



gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Dienstag, 9. Juni 2009

Das Lächeln einer Frau

...macht Männer attraktiver!

Dieses kuriose Ergebnis veröffentlichte eine schottische Forschergruppe um Prof. Ben Jones. Ihrer Studie war die evolutionsbiologische Vermutung vorausgegangen, dass viele Frauen sich bei der Partnerwahl von den Präferenzen anderer Frauen leiten lassen: Wen viele Frauen toll finden, der ist ein toller Typ!

Dieses sogenannte 'mate choice copying' findet man bei vielen Tierarten, inklusive Primaten. Nebenbei ist das Verhalten natürlich ein Hauptgrund für Eifersucht.


Zur Überprüfung ihrer Annahmen zeigten Jones und seine Kollegen ihren Probanden Bilder von Männern, deren Attraktivität zuvor als gleichwertig eingeschätzt worden war. Das Interessante dabei war die Anordnung: Zwischen zwei Männergesichtern war eine Frau abgebildet, die einen der beiden Männer anlächelte und dem anderen sozusagen die kalte Schulter zeigte.


Das Ergebnis: Die weiblichen Versuchsteilnehmer schätzten die angelächelten Männer als weitaus attraktiver ein! Männer dagegen fanden die angelächelten Gesichter weniger attraktiv. Den erstaunlichen Geschlechterunterschied erklärt Jones so: "Bei Männern bewirkt der Kampf um das andere Geschlecht die Aktivierung von negativen Vorurteilen gegenüber Konkurrenten, die das Ziel positiven sozialen Interesses von Frauen sind." Kurz: Angelächelte Männer werden als Konkurrenz erkannt und sofort abgewertet.


Frauen dagegen verfallen dem Phänomen 'Soziale Attraktivität' - nach dem Motto: "Wer in anderen Frauen Sympathien erweckt, tut das auch bei mir."


Professionelle Partnervermittlungen nutzen das Prinzip bereits, indem sie Männern bei der Partnersuche attraktive Frauen (sogenannte 'Wingwomen') zur Seite stellen, die sich einfach mit ihnen unterhalten und sie anlächeln - Eindruck bei anderen Frauen garantiert!



gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Quelle: Proceedings of the Royal Society B (DOI: 10.1098/rspb.2006.0205)

Montag, 8. Juni 2009

Wenn Verbote und Richtlinien nach hinten losgehen - Die Macht negativen sozialen Einflusses

Eine alarmierende Nachricht auf Ihrem Schreibtisch: Die Präsenz der Mitarbeiter bei Meetings ist in den letzten Wochen zurückgegangen. Im Schnitt fehlten 7% der Mitarbeiter bei wichtigen Meetings - aus nichtigen Gründen! Innerlich kochen Sie.

Sie beschließen, den Mitarbeitern sachlich anzukündigen, dass viele Kollegen in der letzten Zeit ihre Teilnahme an Meetings absagten und dass der Zustand so nicht tragbar sei.
Was passiert nun in der Folge?

Mehr Mitarbeiter werden fernbleiben!


Das Phänomen heißt 'Negative Soziale Bewährtheit' und beschreibt das Verhalten von Menschen, sich in Entscheidungssituationen (zum Meeting gehen oder nicht) an den Ansichten und dem Verhalten anderer Menschen zu orientieren. Würden Sie also publik machen, dass viele Kollegen den Meetings fernbleiben, werden mehr folgen, weil sie sich unbewusst an Ihrer Aussage orientieren: 'Na, wenn so viele wegbleiben, kann ich mir das auch einmal leisten - nur einmal.'


So kontraintuitiv das Phänomen scheint - es ist universell und gut belegt. Beispielsweise entstehen wie von selbst Müllberge in Parks, wenn zufällig jemand Müll an einer Stelle zurück gelassen hat. Schema: 'Aha, da liegt schon etwas - da kann ich meins dazuwerfen.' Und schon türmen sich die Bananenschalen.


In der 'Petrified Forest Studie' zeigte Prof. Robert Cialdini, wie man es richtig machen kann - und wie man es falsch macht: Er brachte an den drei Eingängen des Nationalparks verschiedene Schilder an, die zum Ziel haben sollten, die durch die Touristen verursachte 'Abwanderung' von Hölzern zu verringern.
Auf Schild 1 stand: "Many past visitors have removed the petrified wood from the park, changing the natural state of the forest!" - das Negative-Soziale-Bewährtheit-Schild. Schild 2 zeigte eine Person, die Holz stiehlt mit einem roten Kreis um das Bild und der Aufschrift "Please don´t remove the petrified wood from the park, in order to preserve the natural state of the forest!" - eine ganz einfache Bitte. Am dritten Eingang wurde kein Schild aufgestellt. Um den Holzdiebstahl zu überprüfen, brachten die Untersucher markierte Hölzer an verschiedenen Stücken des Wegs an.

Das Ergebnis: Ohne Hinweisschild wurden 2,92% der Hölzer gestohlen. Mit der Bitte, dies zu unterlassen, sank die Quote immerhin auf 1,67%. Und beim Hinweis darauf, dass die Vielzahl von Holzdieben den natürlichen Zustand des Parks verunstalte? - Satte 7,92% der ausgelegten Hölzer wurden entwendet - die Quote stieg also beinahe um das 3fache an!

Was sollte man also tun? Formulieren Sie Bitten und Verbote klar und positiv. Und weisen Sie auf keinen Fall auf all diejenigen hin, die das unerwünschte Verhalten vorleben - sie werden Nachahmer finden. Und leere Räume.




gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer


Quelle: Cialdini, R. et al. (2006). Managing social norms for persuasive impact. Social Influence, 2006, 1 (1), 3-15

Freitag, 5. Juni 2009

Angenehmer Nebeneffekt

Eine erfolgreiche Verhaltenstherapie gegen psychische Störungen bringt auch das Liebesleben wieder in Schwung. Das berichten Prof. Jürgen Hoyer und seine Kollegen von der Universität Dresden.

Sie befragten 451 Patienten mit Angststörungen oder depressiven Symptomen, die sich entschlossen hatten, in ihrer Institutsambulanz mit Hilfe einer kognitiv-behavioralen Verhaltenstherapie ihre psychischen Leiden zu mildern - und dies auch vollständig oder größtenteils schafften.

Vor der Behandlung berichteten fast zwei Drittel der Patienten von häufigen sexuellen Problemen wie mangelnder Erregbarkeit, erektiler Dysfunktion oder fehlender Orgasmusfähigkeit. Zudem waren sie generell unzufrieden mit ihrem Liebesleben.

Obwohl die berichteten sexuellen Störungen in der Therapie selbst nicht behandelt wurden, zeigte sich nach dem Ende der erfolgreichen Behandlung der Primärerkrankung bei vielen Patienten eine signifikante Verbesserung des Liebeslebens. Mit dem Rückgang von Angst und depressiven Symptomen kam auch die Lebenslust wieder zurück.

Es müssen nicht immer gleich psychische Störungen von Krankheitswert sein, die unsere Sexualität vorübergehend oder dauerhaft beeinträchtigen. Auch die berühmten 'Daily hassles' oder chronische starke Arbeitsbelastung können sich sehr schnell auf das Liebesleben auswirken.

Hier helfen oft schon - richtig angewandt - Entspannungsübungen, ein klärendes Gespräch oder eine kurzzeitige Beratung, um die wahre Wurzel des Übels anzupacken und den Weg zurück zu einem erfüllten Liebesleben zu finden.


gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer


Quelle: Hoyer, J., Uhmann, S., Rambow, J., Jacobi, F. (2009). Reduction of sexual dysfunction: A by-product of CBT for psychological disorders?. Sexual and Relationship Therapy, 24 (1), 64-73

Donnerstag, 4. Juni 2009

Mit der rosaroten Brille

... sieht man besser!

Menschen, die die berühmte rosarote Brille tragen, filtern nicht selektiv - wie das Sprichwort vermuten lässt - die guten Infos aus der Umwelt aus, sondern nehmen in Wahrheit sogar mehr Dinge wahr als andere.

Eine Studie der University of Toronto zeigt, dass unsere Stimmung tatsächlich beeinflusst, wie gut unser visuelles System funktioniert. Prof. Adam Anderson fasst die Ergebnisse zusammen: "Unsere Studie zeigt: Wenn wir in positiver Stimmung sind, nimmt unser visueller Kortex [diejenigen Hirnregionen im hinteren Teil des Schädels, die mit der Verarbeitung des Gesehenen beschäftigt sind, d. Red.], mehr Informationen auf, während negative Stimmung zu einer Art 'Tunnelblick' führt."

Die Forscher versetzten ihre Versuchspersonen in gute, neutrale oder negative Stimmung, bevor sie sie in einem Magnetresonanztomographen untersuchten. Sie fanden, dass die rosarote Brille einer guten Stimmung weniger die Farben der Welt, sondern vielmehr die Bandbreite unserer Wahrnehmung verändert.

Taylor Schmitz, Leiter der Studie, erklärt den Zusammenhang: "In guter Stimmung nimmt die Zahl der wahrgenommenen Objekte zu. Das hört sich zunächst gut an, kann aber auch zu verstärkter Ablenkung führen. Gute Stimmung vergrößert buchstäblich das Fenster, durch das wir die Welt sehen. Das Gute daran ist, dass wir dadurch die Dinge aus einer globalen, integrativen Perspektive aus sehen. Kurz: Wir haben mehr Überblick und entdecken schneller Zusammenhänge. Auf der anderen Seite fokussieren wir Dinge weitaus besser, wenn wir in schlechter Stimmung sind."

Fazit: Organisatorische Aufgaben, Entscheidungen, Meetings und Kreativleistungen gelingen besser in guter Stimmung.

Und falls Sie einmal schlecht gelaunt sein sollten: Suchen Sie sich eine Aufgabe, die Konzentration auf eine einzige Sache, Präzision und Ausdauer verlangt.



gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Quelle: Taylor W. Schmitz, Eve De Rosa, and Adam K. Anderson (2009). Opposing Influences of Affective State Valence on Visual Cortical Encoding
J. Neurosci., 29: 7199 - 7207 ;

Mittwoch, 3. Juni 2009

Psychologische Begriffe: Fundamentaler Attributionsfehler

Stellen Sie sich vor, Sie sehen sich das abendliche Fernsehquiz an. Wen halten Sie gewöhnlich für schlauer? Den Quizmaster oder die Kandidaten? Und wie steht es mit Ihnen selbst? Sind Sie schlauer als der Quizmaster oder die Kandidaten oder liegt Ihre Intelligenz irgendwo dazwischen?

Nicht sicher?
Stimmt. Wir wissen es eigentlich nicht. Vor allem nicht in Einzelfällen. Trotzdem scheint der Quizmaster immer alle Antworten zu kennen und kann sich darüber auch eloquent äußern. Sicher ein intelligenter Mann. Und die Kandidatin: bei 500€ versagt. Nicht die Hellste.

Die oben beschriebene Einschätzung ist ein gutes Bespiel für einen oft begangenen Wahrnehmungsfehler, der im Englischen als 'Actor-Observer-Effect' bezeichnet wird. Er beschreibt die Tatsache, dass wir Verhalten anderer Menschen oft auf deren Persönlichkeit zurückführen, während wir unsere eigenen Verhaltensweisen gewöhnlich differenzierter betrachten und auf die Umstände schieben.


Ein weiteres typisches Beispiel für den im deutschen als 'Fundamentaler Attributionsfehler' bekannten Effekt ist Streit in der Partnerschaft: "Immer wirfst du mir Dinge vor, die unter die Gürtellinie gehen! So bist du eben: Kein Niveau!" Man selbst ist natürlich "jedesmal anders" und kann sich gut auf verschiedene Themen und Situationen einstellen. Der andere "ist halt so", demnach persönlich verkorkst und eigentlich nicht mehr zu retten. Der Streit eskaliert.


Für den Fundamentalen Attributionsfehler gibt es vier wesentliche Erklärungen:
  1. Unterschiedliche Informationsgrundlage: Offensichtlich wissen wir mehr über uns selbst als über die anderen Menschen. Wir erleben uns in vielfältigen, unterschiedlichen Situationen und begreifen, dass wir uns je nach Situation auch unterschiedlich verhalten. Unsere Interaktionspartner dagegen lernen wir in immer gleichen oder sehr ähnlichen Situationen kennen - die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie sich auch immer gleich verhalten. Zudem versuchen unsere Interaktionspartner oft auch aktiv, uns ein gewisses (meist positives) stimmiges Bild zu liefern, indem sie sich möglichst gleich verhalten. Sie liefern uns damit selbst einseitige Informationen.
  2. Unterschiede in der Wahrnehmungsperspektive: Insbesondere in Kommunikationssituationen ist die eben Situation für uns sehr wichtig und wird deshalb verstärkt wahrgenommen. Wir selbst treten wahrnehmungsmäßig in den Hintergrund. Beobachten wir dagegen eine Kommunikationssituation von außen, achten wir verstärkt auf das Verhalten der Akteure, die ja zur Situation gehören und die Hauptrolle darin spielen.
  3. Selbstwertdienlichkeit: 'Wenn es andere tun, ist es deren Fehler. Wenn ich es selbst tue, ist die Situation schuld.' Beobachten Sie sich einmal selbst, wenn Sie über negative Dinge berichten: Sie werden versuchen, sich vor sich und anderen selbst zu entschuldigen, indem Sie die Umstände verantwortlich machen. Zurecht. Denn Ihr Selbstwertgefühl würde erheblich leiden, wenn Sie sich für alles Negative allein verantwortlich machen. Wollen wir auf Dauer glücklich und nicht depressiv sein, brauchen wir diese 'selbstwertdienliche Attribution' sogar. Andere für Missgeschicke verantwortlich zu machen ist dagegen in der Regel einfach und berührt meist nicht unser persönliches Selbstwertgefühl.
  4. Kontrollbedürfnis: Menschen haben das Bedürfnis, das Verhalten anderer in unsicheren Situationen voraussagen und kontrollieren zu können. Deshalb ist es von Vorteil, den anderen 'zu kennen'. Man erwartet (oder hofft) also, dass sich Menschen in allen zukünftigen Situationen gleich verhalten. Nämlich so, wie sie sich bisher auch verhalten haben. Wir sagen dann letztendlich: Aha, so sind sie eben. Wenn ich also A sage, sagen sie mit großer Wahrscheinlichkeit B.
Der Fundamentale Attributionsfehler hat also einen großen Vorteil und zwei kleinere Nachteile: Auf der einen Seite lässt er uns das Verhalten anderer Menschen mit ziemlicher Sicherheit und wenig geistigem Aufwand voraussagen.

Auf der anderen Seite kann durch ihn unsere Einschätzung anderer leicht manipuliert werden (vor allem zum Positiven in Kombination mit dem Halo-Effekt, siehe Beitrag vom 27.5.09). Und er stellt uns oft ein Bein bei Menschen, die wir eigentlich gut kennen sollten.


Gerade zur Lösung von Konfliktsituationen mit Freunden, langjährigen Kollegen und Partnern ist es deshalb von Vorteil, sich in sie hineinzuversetzen und zu versuchen, ihre Perspektive wahrzunehmen. Als Mensch, der sich in verschiedenen Situationen eben auch verschieden verhält. Und nicht 'so ist, wie er eben ist.'



gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Dienstag, 2. Juni 2009

ACHTUNG, ANSTECKEND!

Sind Ihre Freunde glücklich? Und deren Freunde? Im Großen und Ganzen Ja? Schön für Sie, denn diese Menschen haben einen großen positiven Einfluss auf Ihre Gesundheit.

Es werden nämlich nicht nur Krankheiten, Viren, Bakterien und Parasiten zwischen Menschen übertragen, sondern auch die Fähigkeit, diese abzuwehren. Der entscheidende Faktor ist dabei Glück und gute Laune, die nachweislich das Immunsystem stärken.

Meinungen, Verhaltensweisen, Einstellungen und vor allem Gerüchte verbreiten sich rasend schnell. Sogar Gähnen und Lachen sind bekanntlich ansteckend. All diese Dinge tragen wesentlich zu unserer körperlichen und geistigen Gesundheit bei. Mit den Auswirkungen solcher sozialer Faktoren auf das menschliche Immunsystem beschäftigt sich das stetig wachsende Forschungsfeld der Psychoneuroimmunologie seit den 1980er Jahren.

Diese Forschungstradition wird jetzt durch eine Studie des Instituts für Politikwissenschaft der UC San Diego unterstützt. Die Forscher untersuchten Einfluss und Verbreitung von Glück, Übergewicht und Rauchen in sozialen Netzwerken. Dafür benutzten sie Daten einer bereits Jahrzehnte dauernden Längsschnittstudie in den USA. Sie fanden unter anderem, dass selbst das Glück eines Freundes eines Freundes eines Freundes das eigene Glück um 6% erhöht (siehe Grafik). Ein glücklicher Nachbar steigert unser eigenes Glück um 34%, ein glücklicher Freund, der gleich nebenan wohnt, sogar um 42%.

Glücklichsein und Lebenszufriedenheit verbreiten sich damit sogar effektiver als Rauchen und Übergewicht. Jede erfolgreiche soziale Interaktion, jeder Kontakt mit glücklichen Menschen lässt die Chancen auf eigene Glücksgefühle um 9% steigen. Jeder Kontakt mit unglücklichen Menschen senkt dagegen das Glücksniveau um 7%.


Ein aufrüttelndes Ergebnis, das natürlich noch eine andere Wahrheit enthält: jeder Mensch kann selbst zur Glückquelle werden. Für seine Freunde. Und deren Freunde. Und deren Freunde....



gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Quelle: British Medical Journal