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Dienstag, 8. September 2009

Positive Erziehung überdauert Generationen

Der Einfluss einer positiven Erziehung wirkt sich über Generationen aus - zu diesem Ergebnis kommen der Psychologe Dr. David Kerr und seine Kollegen von der Oregon State University. Sie werteten Daten einer seit 1984 laufenden Langzeitstudie aus. Daran nahmen unter anderen 206 Jungen teil, die zu Beginn der Studie als "hoch risikobehaftet" für spätere Delinquenz bezeichnet wurden. Die Forscher untersuchten
  • Entwicklung,
  • Persönlichkeit und
  • erzieherisches Umfeld der Jungen,
die sich jährlich mit ihnen trafen. Als die Jungen älter wurden, gründeten sie ihre eigenen Familien und ihre Lebenspartnerinnen und Kinder nahmen ebenfalls an der Studie teil.

Ein positiver Erziehungsstil definiert sich laut Kerr vor allem aus
  • Wärme,
  • dem fürsorglichen Überwachen der Aktivitäten des Kindes sowie
  • mitfühlendem Verständnis und
  • einer konsistenten Disziplin (kein autoritäres Elternverhalten, aber klare und dem Kind verständliche Verhaltensregeln).
Kinder, die einen positiven Erziehungsstil genossen hatten, entwickelten mehr und tiefere Freundschaften mit anderen in ihrer Jugend.
Außerdem hatten sie bessere Noten und engagierten sich mehr in der Schule.
Und das Wichtigste: Sie hatten als Jugendliche mehr Selbstwertgefühl als diejenigen, die in ihrer Kindheit vernachlässigt oder bedroht worden waren.

Kerr nimmt deshalb an, dass "eine gute Erziehung nicht nur vor Selbstzweifeln und Delinquenz schützt. Sie führt vor allem dazu, dass man als Jugendlicher und junger Erwachsener mehr positive Verbindungen zu anderen Menschen aufbauen kann. Was sich wiederum darauf auswirkt, wie man sich mit Lebenspartnern versteht und wie man seine eigenen Kinder behandelt."


Die Forschung von Dr. Kerr und seinen Kollegen zeigt deutlich die Nachhaltigkeit von Erziehungsmaßnahmen: Wenn wir heute unseren Kindern mit Wohlwollen, Wärme und konsistenten Regeln begegnen, werden uns noch unsere Enkel dafür danken.


gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Quelle: Oregon State University, Dpt. Psychology

Donnerstag, 6. August 2009

Dicke Eltern, dicke Kinder, aber...

Viele Kinder in den USA und auch in Deutschland leiden heutzutage unter Fettleibigkeit. Häufig werden die Gene als Entschuldigung herangezogen. Eine neue Studie von Medizinern der Peninsula Medical School in Plymouth stellt diese Annahme nun in Frage:

Die Forscher untersuchten in einer Langzeitstudie 226 Familien aus Plymouth. Erfasst wurden dabei die BMI´s der Eltern und die der Kinder über einen Zeitraum von 3 Jahren. (BMI=http://de.wikipedia.org/wiki/Body-Mass-Index)

Das Ergebnis: Das Gewicht des gleichgeschlechtlichen Elternteils hat einen Einfluss auf das Gewicht des Kindes. Das heißt, dicke Mütter haben häufiger dicke Töchter und dicke Väter dicke Söhne.

Töchter, deren Mütter übergewichtig waren, haben demnach ein zehnmal höheres Risiko selbst auch übergewichtig zu sein, als Töchter von schlanken Müttern. Bei Söhnen mit dicken Vätern war das Risiko eigener Fettleibigkeit sechsmal höher.
Das Gewicht des gegengeschlechtlichen Elternteils hatte dagegen keinen Einfluss.

Jede genetische Ursache für diesen Zusammenhang müsste unabhängig vom Geschlecht sein, so Studienleiter Terry Wilkin. Der geschlechtsspezifische Effekt, den unsere Studie entdeckt hat, ist deswegen so interessant, da er den Fokus auf verhaltensbedingte Faktoren legt.

Diese Ergebnisse könnten unser Denken über kindliche Fettleibigkeit von Grund auf verändern, so Wilkin: Die Forschung der letzten Jahre habe sich nur darauf konzentriert, dass dicke Kinder zu dicken Erwachsenen werden, und dass Prävention im Kindesalter das Problem im späteren Leben lösen könne. Die Studie zeige genau das Gegenteil: Kinder werden durch den Einfluss des gleichgeschlechtlichen Elternteils dick. Und wir sollten den Fokus auf die Verhaltensänderung des Erwachsenen legen, wenn wir die Fettleibigkeit der Kinder bekämpfen wollen!

Die Message ist klar: Wir müssen nicht bei unseren Kindern ansetzen und diese auf Diät setzen, sondern uns selbst! Nur so können wir unseren Kindern ein (für sie vorgesehenes) Leben ohne unnötige Pfunde ermöglichen. Und ganz nebenbei: auch uns selbst!



gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Quelle: Perez-Pastor, E. M., Wilkin, T. J. et al. (2009): Assortative weight gain in mother-daughter and father-son pairs: an emerging source of childhood obesity. Longitudinal study of trios (EarlyBird 43). International Journal of Obesity, 33: pp. 727-735.

Donnerstag, 23. Juli 2009

Man ist, was Mama isst?

Was hat Ihre Mutter eigentlich in der Zeit gegessen, bevor Sie mit Ihnen schwanger war? Komische Frage? Keineswegs...

Die Gesundheit der Mutter in den Tagen und Wochen bevor sie schwanger wird, beeinflusst offenbar die Gesundheit des Kindes bis in dessen späteres Leben hinein. Dieser Schluss lässt sich durch die Ergebnisse neuer Studien ziehen, die auf dem momentan stattfindenden jährlichen Treffen der Society for the Study of Reproduction in Pittsburgh präsentiert werden. Diese Studien zeigen, dass die mütterliche Ernährung und Proteinaufnahme epigenetische Veränderungen in der Fötusentwicklung verursachen kann, die dann zu Konsequenzen in der späteren Gesundheit führen können.

Die Studien kommen zu folgenden Ergebnissen:

Zu viel Süßes? Mütterliche Diabetes und Embryoentwicklung

Die Zeit zwischen Ovulation und Empfängnis sei eine kritische für die Gesundheit von Mutter und Fötus, so die Biologin Kelle Moley von der Washington University School of Medicine. Sie fand in Studien mit Mäusen heraus, dass feine Unterschiede im mütterlichen Stoffwechsel zu langanhaltenden Effekten führen. Dr. Moley übertrug beispielsweise kurz nach der Ei-Einpflanzung Embryos von einer Maus mit Diabetes in eine Maus ohne Diabetes. Dies führte zu Nervenschäden, Herzschäden, Gliederdeformationen und Wachstumsstörungen beim Nachwuchs. Moley sagte, dass diese Ergebnisse Hinweis darauf seien, dass die Ideen über mütterliche Gesundheit mit dem Blick auf die Zeit vor der Schwangerschaft nochmal neu beleuchtet werden müssen.

Nimm Vitamine zu dir, bevor du schwanger wirst!

Raten wir schwangeren Frauen zu spät zur Vitaminergänzung?
Dem Biologen Kevin Sinclair von der University of Nottingham nach, kann die mütterliche Ernährung schon zum Zeitpunkt der Zeugung die Entwicklung des Fötus verändern. In Studien mit Schafen und Nagetieren fand er heraus, dass der Nachwuchs von Müttern mit einem Mangel an B12 und Folsäure beim Erreichen mittleren Alters dicker war, insulinresistenter war und einen höheren Blutdruck hatte.

Proteinarme Diät führt zu nervösen Kindern

Niedrige Proteinlevel bei weiblichen Mäusen während den ersten Augenblicken der Zeugung verursachte abnormales Wachstum, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hohen Blutdruck und sprunghaftes Verhalten beim Nachwuchs. Professor und Biowissenschaftler Tom Fleming von der University of Southampton nach, wachsen Kinder von Müttern mit Proteinmangel deswegen schneller, weil sie versuchen so viele Nährstoffe wie möglich aufzunehmen, als Kompensation aufgrund der mangelnden Versorgung im Mutterleib.

Wird Ihnen nun so einiges klar? Oder müssen Sie nochmal bei ihrer Mutter nachfragen, um mögliche Ursachen für Beschwerden aufzudecken?


gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Quelle:
Fleming, T. P., Watkins, A. J., Eckert, J. J.(2009):
Maternal Dietary Effects on Rodent Egg/Embryo Developmental Potential and Long-Term Health.
Biology of Reproduction, 81: 4;
Moley, K. H. (2009): Too Much of a Sweet Thing - Maternal Diabetes and Oocyte Quality. Biology of Reproduction,
81: 2;
Sinclair, K. (2009): Developmental Origins of Health and Disease: B Vitamins and DNA Methylation Programming in the Oocyte and Pre-Implantation Embryo.
Biology of Reproduction, 81: 3.

Donnerstag, 16. April 2009

Depressiv durch TV-Konsum?

Fernsehen informiert und amüsiert. Es verschafft uns wichtige Anregungen und ist in der Lage, unsere Stimmung zu beeinflussen. Und nicht zuletzt fördert es unsere Selbstwirksamkeit und Entscheidungsfreude, sofern wir (und nicht unsere nächsten Angehörigen) die Macht über die Fernbedienung haben. Soweit zur Theorie.

In der Praxis zeigt sich nun ein erstaunlicher Befund: Forscher der University of Pittsburgh nahmen den TV-Konsum genauer unter die Lupe und verglichen die tägliche Fernsehzeit von Jugendlichen mit dem Risiko, eine Depression zu entwickeln. Die insgesamt 4142 Jugendlichen notierten dabei über 7 Jahre hinweg, also bis ins junge Erwachsenenalter ihre Gewohnheiten im Umgang mit Medien.

Die Teilnehmer, die zu Beginn der Studie keine depressiven Symptome aufwiesen, waren durchschnittlich für 5,68 Stunden täglich Medien ausgesetzt. 2,14 Stunden verbrachten sie davon mit fernsehen.

Gemäß der Studie führte schon ein geringfügig höherer TV-Konsum zu einem kleinen, aber bedeutenden Anstieg des Depressionsrisikos, insbesondere bei männlichen Jugendlichen.

Die Forscher um Brian Primack vermuten, dass die durch den vermehrten TV-Konsum verringerten sozialen Kontakte für das höhere Depressionsrisiko verantwortlich sind. Auch mangelnde kommunikative Fertigkeiten infolge einseitiger Rezeption der Inhalte wäre ein möglicher Grund. Durch die fortwährende Präsentation "perfekter" Menschen im TV würden sich außerdem Selbstwertprobleme einstellen.

Eine wichtige Rolle scheint vor allem die Auswahl der TV-Inhalte zu spielen. Man sollte im Allgemeinen eher solche medialen Happen genießen, die man auch verdauen kann. Außerdem sollte man sich mit den aufgenommenen Informationen kritisch auseinander setzen - am besten im Dialog mit wichtigen Bezugspersonen. So schult man die eigenen kommunikativen Kompetenzen.



gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Quelle: Primack, B. et al. (2009). Association between media use in adolescence and depression in young adulthood: a longitudinal study. Archives of general Psychiatry, 66, pp. 181-188

Mittwoch, 1. April 2009

Wie steigern Sie eigentlich Ihre Intelligenz?

Teil 3: Fisch macht schlau (kein Aprilscherz).



Im Blog-Beitrag vom 31.1.09 berichteten wir über Intelligenz-Training, z.B. auch via richtiges Essen. Die Intelligenzsprünge bei Wüstenspringmäusen sind in dieser Hinsicht durch Experimente mit der Gattung homo sapiens bestätigt worden.

Forscher der Universität Göteborg untersuchten nicht weniger als 3972 Jugendliche auf ihre Essgewohnheiten und fanden heraus: Fisch macht schlau. Der IQ der Versuchspersonen - alle junge Männer im Alter von 18 - wurde mit ihren Essgewohnheiten im Alter von 15 Jahren verglichen. Diejenigen, die einmal pro Woche Fisch aßen, schnitten im Gegensatz zu ihren fischverschmähenden Altersgenossen um 7 % besser ab. Aßen die Jungen im Alter mehr als einmal pro Woche Fisch, waren sie in IQ-Tests sogar um 12 % besser.

Der Zusammenhang von Intelligenz und Fisch war übrigens unabhängig von sozialen Einflussfaktoren, wie zum Beispiel dem Bildungsstand der Eltern.

Die schwedischen Forscher vermuten, dass Omega-3 und Omega-6 Fettsäuren für den Schub in der kognitiven Leistungsfähigkeit verantwortlich sind. Diese Stoffe werden bereits bei der Entwicklung im Mutterleib im fötalen Gehirn angereichert und sind mitverantwortlich für die Steuerung der Gehirnentwicklung.


gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Quelle:
Aberg, M. et al. (2009). Fish Intake of Swedish male adolescents is a predictor of cognitive performance. Acta Paediatrica, 98

Dienstag, 31. März 2009

Wie steigern Sie eigentlich Ihre Intelligenz?

Teil 2: Intelligenz trainieren



Manche Menschen sind schlauer, manche dümmer. Kann man das ausgleichen?


Im Blog-Beitrag vom 30.3.09 haben Sie die Grundlagen der Intelligenzforschung erfahren. Sie unterscheidet sich in kristalline und fluide Intelligenz. Die kristalline ist per definitionem trainierbar, wenn wir sie mit Informationen füttern. Die fluide Intelligenz ist eigentlich per definitionem nicht trainierbar, weil sie 'unabhängig von zuvor gelernten Informationen' existiert. Allerdings gibt es Möglichkeiten, diese Art von angeborener geistiger Leistungsfähigkeit langfristig zu steigern.

1) Das Arbeitsgedächtnis trainieren:
Forscher der Universität Bern haben 2008 eine Studie veröffentlicht, in der sie
Versuchspersonen mit Aufgaben trainierten, die das Arbeitsgedächtnis verbessern sollten. Das Arbeitsgedächtnis speichert und manipuliert kurzzeitig Informationen. Eine Arbeitsgedächtnisaufgabe wäre zum Beispiel, sich eine Reihe von Zahlen zu merken und sie dabei aufsteigend anzuordnen. Im Experiment der Uni Bern schnitten die Versuchspersonen, die ihr Arbeitsgedächtnis trainiert hatten, umso besser in klassischen Intelligenztests ab, je länger sie trainiert hatten. Die Forscher vermuten, dass das Arbeitsgedächtnis sehr ähnliche Schaltkreise beansprucht wie die fluiden Intelligenzleistungen. Diese neuronalen Schaltkreise werden also mittrainiert. Zur Zeit wird ein Trainingsprogamm entwickelt, mit dem sich die Intelligenz kurzfristig steigern lässt. Studien über positive Langzeiteffekte des Trainings sollen folgen.

2) Aktives Nachdenken und Problemlösen in verschiedensten Lebensbereichen:
Geistige Aktivität, genau wie körperliche Aktivität, hält die grauen Zellen fit. Damit beugt man nicht nur dementiellen Erkrankungen vor. Vielmehr 'generalisiert' geistige Aktivität in einem fordernden Umfeld häufig auf andere Lebensbereiche. Die positiven Effekte sind unmittelbar feststellbar.


3) Medikamente:
Besonders aufmerksamkeitssteigernde Präparate bewirken, dass man sich Dinge besser merken, konzentrierter lernen und effizienter Informationen verarbeiten kann. Besonders beliebt ist hier anscheinend Ritalin, das zur Behandlung von ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom) eingesetzt wird. Studien aus den USA schätzen, dass zur Zeit 14-25 % aller Studenten vor wichtigen Prüfungen Medikamente einnehmen. Vorsicht vor ungewollten Folgen und Nebenwirkungen: Gegenwärtig existieren keine Langzeitstudien, die die Unbedenklichkeit dieser Art von Selbstmedikation bescheinigen können.


4) Das Richtige essen:
Forscher des Massachussetts Intitute of Technology in Cambridge haben in Versuchen mit Wüstenspringmäusen Erstaunliches herausgefunden: Nach Verabreichung von Futter, das mit Cholin (kommt z.B. in Eiern vor), Omega-3-Fettsäuren (Fischöl) und Uridinmonophosphat (Rüben) lernten die Tiere schneller. Und mehr noch: Sie bildeten mehr Synapsen in Gehirnregionen aus, die für Lernen und Gedächtnis verantwortlich sind. Die Frage ist noch offen, inwieweit diese Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind.


Bevor man also zu Medikamenten greift, um sich künstlich schlau zu machen, sollte man geistig aktiv sein, das Richtige essen und das Arbeitsgedächtnis fordern (kleine Merkaufgaben, ein Instrument, ein Gedicht oder einen Witz lernen oder neue kreative Lösungen für die kleinen Probleme des Alltags suchen).


Und einen Joker haben Sie ja noch auf der Hand:
Welche besondere Rolle Fisch beim IQ-tanken spielt, erfahren Sie morgen.

gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Quellen:

Holguin, S., Martinez, J., Chow, C., Wurtman, R. Dietary uridine enhances the improvement in learning and memory produced by administering DHA plus choline to gerbils. FASEB

Jaeggi, S. M., Buschkuehl, M., Jonides, J., & Perrig, W. J. (2008). Improving fluid intelligence with training on working memory. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 105(19), 6829-6833. fj.08-112425, published online July 7, 2008

Montag, 30. März 2009

Wie steigern Sie eigentlich Ihre Intelligenz?

Teil 1: Was ist Intelligenz?


Vorab ein Fakt: Es gibt schlaue Menschen und es gibt dumme Menschen.

Die Skala zur Messung dieser schlau-dumm-Dimension wird üblicher Weise mit 'Intelligenz' bezeichnet. Ist diese Intelligenz, die man auch je nach Geschmack als Klugheit, geistige Kompetenz, kognitive Leistungsfähigkeit oder Informationsverarbeitungseffizienz beschreiben kann nun angeboren oder wird sie im Verlauf der Kindheit, der Jugend, des Alters erst gelernt? Die Antwort lautet wie so oft: Teils-teils.

Mit Intelligenz werden allgemein alle sogenannten kognitiven, also geistigen Fähigkeiten und Fertigkeiten beschrieben, die es uns ermöglichen, Probleme zu lösen, Zusammenhänge zu erkennen und Ideen zu entwickeln. Nach Meinung vieler Experten ist es allerdings nicht sinnvoll, von einer "globalen Intelligenz" zu sprechen, die unveränderlich jeden Menschen auf einen IQ-Wert reduziert und demnach sein geistiges Potential festlegt. Vielmehr besteht die kognitive Leistungsfähigkeit aus mindestens zwei Komponenten:

Zum einen aus einer weitgehend genetisch-biologisch festgelegten Komponente, der 'fluiden' Intelligenz, die sich in den ersten Lebensjahren praktisch von selbst entwickelt. Ihre Grundlage wird bis zum Abschluss der Frontallappenentwicklung (ca. 11. Lebensjahr) gelegt, ihren Höhepunkt erreicht sie mit 17-18 Jahren. Ein paar Jahre lang bleibt sie relativ konstant, danach fällt sie langsam aber sicher ab. Je nach Lebensführung, geistiger Forderung und Förderung, Krankheiten und Suchtmittelmissbrauch. Bei den einen schneller, bei den anderen langsamer. Sie umfasst Fähigkeiten wie Auffassungsgabe, geistige Flexibilität, Schnelligkeit und Problemlösefähigkeit.

Zum anderen besteht die Intelligenz aus einer Lern-Komponente, der sogenannten 'kristallinen' Intelligenz. Damit ist unser gesamtes sinnvoll nutzbares Wissen gemeint. Also alles das, was wir an Fakten und Erfahrungen gesammelt haben. Geografie, Grammatik, Klavierspielen und Fahrradfahren sind Wissens-Leistungen, die kristallin sind, quasi über die Zeit 'kristallisiert', perfektioniert sind.

Die zweite Komponente ist damit ohne Frage in hohem Grade modifizierbar. Wir können unsere Intelligenz steigern, indem wir eine neue Sprache lernen, eine Sportart perfektionieren, uns ganz allgemein Wissen aneignen. Das macht Eindruck.

Schwieriger ist es bei der ersten Komponente, der fluiden Intelligenz. Geistige Flexibilität, Schnelligkeit und Auffassungsgabe zu trainieren wäre sehr wünschenswert, weil diese Fähigkeiten ja die Grundlage für die effiziente Aneignung von Wissen, also die wichtige kristalline Intelligenz darstellen. Und prinzipiell ist diese fluide Intelligenz auch trainierbar: Obwohl angenommen wird, dass die Gehirnentwicklung mit dem Jugendalter abgeschlossen ist, weiß man doch, dass die sogenannte 'Neuronale Plastizität' in allen Gehirnregionen bis ins hohe Alter besteht. Mit neuronaler Plastizität ist die Fähigkeit von Gehirnzellen gemeint, lokal neue dauerhafte Verbindungen herzustellen und so Lernen und das Erkennen von Zusammenhängen zu ermöglichen. Warum sollte es also nicht möglich sein, die fluide Intelligenz genauso zu trainieren wie die kristalline?

Vor kurzem haben sich Wissenschaftler der Universität Bern dieser Gretchenfrage der Intelligenzforschung erneut zugewandt und ein Programm entwickelt, mit dem sie versprechen, fluide Intelligenzleistungen gezielt systematisch trainieren zu können.

Lesen Sie deshalb morgen, wie Sie Ihre Intelligenz steigern können.

Gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Freitag, 27. März 2009

Planlos, aber lernfähig: Was Kinder denken

13:07 Uhr. "Papa, ich will im Garten spielen!" - "Ok, aber nimm deine Jacke mit, es ist kalt draußen."
13:12 Uhr. "Puh, brrr, ist so kalt draußen." - "Na dann... hey, du hast deine Jacke nicht an!" - "Ich zieh` sie jetzt an..." - "Typisch, was ich dir sage geht zum einen Ohr rein und zum anderen raus, und dann wirst du wieder krank und..."

Kommt Ihnen das bekannt vor? Wissenschaftler und viele Eltern gingen lange Zeit davon aus, dass Kinder prinzipiell wie Erwachsene denken. Allerdings fehle ihnen die Einsicht in die Folgen ihrer Handlungen. Diese Kompetenz müssten sie im Verlauf ihrer individuellen Entwicklung erst noch lernen.

Forscher der University of Boulder haben nun ein Experiment durchgeführt, mit dem sie zeigen konnten, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter die Kompetenz, eigene Handlungen und Anweisungen anderer auf die Zukunft zu beziehen, noch gar nicht besitzen. Bei der Handlungsplanung sind Kinder eben nicht wie kleine Erwachsene, sondern denken qualitativ anders. Es scheint, als ob sie Anweisungen einfach speichern würden, um später darauf zurückzugreifen. Wie im Jackenbeispiel oben: Erst wenn es kalt wird, spürt das Kind die Notwendigkeit, sich durch die Jacke vor der Kälte zu schützen.

Kinder lernen also Zusammenhänge, indem sie sich an der Gegenwart oder an der Vergangenheit orientieren. Christopher Chatham von der University of Boulder behauptet: 3-jährige Kinder leben weder ausschließlich in der Gegenwart, noch können sie wie Erwachsene in die Zukunft planen. Vielmehr gilt: "They´re calling back the past only when they need it".

In ihrer Studie zeigten sie 3- und 8-jährigen Kindern eine Computeranimation mit den berühmten Comicfiguren Spongebob Schwammkopf und dem Hund Blue aus Blue´s Clue´s. Die Kinder lernten, dass Blue Wassermelonen mag. Anschließend wurden sie gebeten, mit einem Zeigestab auf einen strahlenden Smiley zu zeigen, falls sie Blue und anschließend die Wassermelone sehen. Ansonsten sollten sie auf einen traurigen Smiley zeigen. Zur Messung des mentalen Aufwands den die Kinder aufbringen mussten, wurde die Technik der Pupillometrie verwendet, bei der mittels Videoanalyse die Pupillengröße über die Zeit bestimmt wird. Das Versuchsdesign und interessante Gedanken zum Thema können Sie in einem Video der University of Boulder ansehen (Bitte klicken Sie einfach auf das Bild):




8- Jährige konnten dabei Antworten antizipieren und waren sich generell sicherer bei ihren Antworten. Die 3-jährigen sahen sich zunächst alle Bilder an und entschieden sozusagen bei jeder Wassermelone die sie sahen, ob sie vorher Blue gesehen hatten oder nicht.

Die Leiterin der Studie, Frau Prof. Munakata, zieht folgende Schlüsse aus ihrem Experiment: "Wenn Sie einfach nur Dinge wiederholen, die Ihr Kind für die Zukunft doch bitte bedenken sollte, ist das wahrscheinlich nicht effektiv. Besser wäre, sie nicht dazu zu ermahnen, irgendetwas vorauszuplanen, sondern ihnen eher den Konflikt zu verdeutlichen, den sie später haben werden. " Als Beispiel führt sie an: " Vielleicht sagen Sie so etwas wie 'Ich weiß, dass du deine Jacke jetzt nicht anziehen willst, aber wenn du später im Hof stehst und frierst, erinnere dich daran, sofort deine Jacke zu holen."

Es ist wie so oft in der Kommunikation: Entscheidend ist nicht, was man sagt, sondern was der andere versteht.

gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

Quelle: http://www.colorado.edu/news

Donnerstag, 12. März 2009

Zur Wirtschaftskrise


Weibliches Krisenmanagement = Erfolgreiches Krisenmanagement



Von einer Aufsehen erregenden Studie berichtet Prof. Dr. Michel Ferrari von der französischen Ceram Business School.


Er analysierte die 40 im französischen Aktienindex CAC gelisteten Unternehmen, um Wirkfaktoren für die gegenwärtige Krise zu erheben. Dabei fokussierte er seine Forschungen auf die Unternehmen, die den wirtschaftlichen Abschwung bisher vergleichsweise gut gemeistert hatten und korrelierte verschiedene Kennzahlen dieser Unternehmen mit ihrem Erfolg im Jahr 2008. Das Ergebnis: Je größer der Frauenanteil in Managementpositionen, desto geringer der Kursverfall 2008!


Prof. Ferrari vermutet, dass die unterschiedliche Risikobereitschaft der Geschlechter einen für alle Stakeholder wahrnehmbaren psychologischen Vorteil suggeriert: Forschungen zum Führungsstil von Frauen und Männern zeigen, dass Frauen eher risikoärmere und langfristig nachhaltigere Entscheidungen treffen. Geschlechterdiversität im Unternehmensmanagement führe demnach dazu, dass die Risikobereitschaft der männlichen Kollegen wieder ausgeglichen und die Unternehmenskultur vielfältiger werde. Dadurch wird das Management flexibler, anpassungsfähiger und letztlich erfolgreicher.


Ferrari gibt zu bedenken: Bislang gibt es zu wenige Studien, die den Erfolg „weiblicher“ Managementpraktiken (z.B. erhöhtes soziales Engagement) belegen. Die gängige Lehrmeinung ist, dass solche mitarbeiterzentrierten Führungsaufgaben auf Topmanagement-Ebene nicht zur Erhöhung von Rentabilität oder Dividende beitragen. Er empfiehlt daher: Mehr angewandte Forschung zu Unternehmenszielen, Unternehmensführung und Diversität sowie gezielte innerbetriebliche Förderung weiblicher High Potentials.


Quelle: Ferrari, M., in Financial Times 3/2009

Zum Amoklauf in Winnenden

"Aggressionen brauchen Ventile"
Interview mit Dr. Stephan Lermer. Antje Karbe, Mittelbayerische Zeitung, 11.3.2009


Wie verbringt mein Kind seine Zeit? Dr. Lermer rät Eltern, genau hinzuschauen

Was bewegt einen Jugendlichen, der wild um sich schießt? „Auch hier kamen mehrere Ursachen zusammen“, ist sich der Münchner Psychologe Dr. Stephan Lermer sicher. Dass im Elternhaus des Amokschützen 18 Waffen gefunden wurden, könne beispielsweise einer sein. „Andere Jugendliche hätten gar keinen Zugriff auf Waffen – Verfügbarkeit macht verführbar.“ Auch die Parallele zum gestrigen Amoklauf in den USA sei auffällig. „Das könnte durchaus ein Auslöser gewesen sein, der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.“

Grundsätzlich seien aggressive Fantasien bei Jugendlichen nicht unnormal, sagt Lermer. „Die Pubertät ist eine Revolutionsphase, ein hormoneller Ausnahmezustand. In dieser Zeit muss man viel leisten, enorme Frustrationstoleranz aufbringen und bekommt zu wenig Anerkennung dafür – ob in Form von Geld oder einer Freundin.“ Die Frage sei nur, wie sich Frust und Aggressionen dann entladen.

„Das ist auch auf positive Weise möglich, durch Sport, Kunst oder Lachen, zum Beispiel.“ Solche Ventile fehlten vielen Jugendlichen zunehmend. „Wenn jemand zuhause hockt, werden Energien nicht mehr motorisch entladen.“ Hier seien zuallererst Eltern gefragt. „Schauen Sie sich die Freunde ihres Kindes an“, rät er. „Mit wem verbringt er seine Zeit, welche Themen und Fantasien bewegen es.“ Ein Warnzeichen sei, wenn es überhaupt keine Freunde gebe, „dann fehlt das Regulativ“. Auch die Gesellschaft sei gefragt, genau hinzuschauen. „Damit problematische Jugendliche nicht in die falschen Fantasien abdriften.“ Das müsse man aus Winnenden lernen: „Wir müssen solche Themen mehr diskutieren und an Schulen noch psychologischer aufklären.“

Montag, 9. März 2009

Stimmt das mit dem Erwerb kommunikativer Kompetenzen durch Gesten? JA, sagt die Neurobiologie.


Von neuronaler Platizität, Sensitiven Phasen und Spiegelneuronen


Bereits vor dem Tag unserer Geburt sind wir fähig zu kommunizieren. Wir treten in Interaktion mit unserer Umwelt, ganz gleich was wir tun.


Schon Säuglinge können sehr deutlich kommunizieren. Dass es ihnen an sprachlichen Mitteln fehlt, liegt dabei nicht nur an mangelnder Erfahrung, sondern vor allem auch an biologischen Bedingungen: In den ersten Lebensmonaten entwickeln sich die Gehirnstrukturen erst, die für effektive Kommunikation verantwortlich sind - dafür in dieser Zeit besonders rapide.


Die Schnelligkeit und Güte der Entwicklung dieser Strukturen hängt dabei einerseits von unveränderlichen genetischen Faktoren ab, andererseits aber von Bedingungen, auf die insbesondere Eltern maßgeblich Einfluss nehmen können. Die letzten Jahre biopsychologischer Forschung haben uns tiefe Einblicke in die psychobiologischen Grundlagen des Spracherwerbs gewährt. Vor allem aus drei neurobiologischen Prinzipien lassen sich fundierte Handlungsempfehlungen für die kindliche Sprachentwicklung ableiten:


1. Neuronale Plastizität: Das menschliche Gehirn ist zu lebenslangem Lernen fähig. Grundlage von Lernen und Erfahrung sind Aufbau und Wiederherstellung von Verbindungen zwischen Nervenzellen im Gehirn. Ein Neugeborenes kommt mit ca. 50 Billionen dieser sogenannten neuronalen synaptischen Verschaltungen zur Welt. In den Jahren nach der Geburt, in der kritischen Phase der motorischen und der Sprachentwicklung also, werden ca. 1000 Billionen neuer Verknüpfungen gebildet, von denen anschließend die Hälfte wieder verkümmert, weil die Verschaltung dann effizienter und ressourcensparender organisiert wird. Kritisch für das Wachsen dieser Verbindung ist allerdings, dass das Gehirn qualitativ und quantitativ die richtige Dosis Input erhält: Lernen ist nur in Interaktion mit der Umwelt möglich. Neue Erfahrungen müssen zu spürbaren (und am besten angenehmen) Wirkungen führen, damit sie so „verschaltet“ werden, dass erfolgreich gelebt werden kann.


2. Sensitive Phasen: Für jede Fertigkeit gibt es kritische Zeitphasen, in denen das genetisch festgelegte Programm des neuronalen Wachstums besonders sensibel ist für Lernerfahrungen aus der Umwelt. Beim Spracherwerb gibt es mehrere solcher kritischer Phasen, die individuell verschiedene Verläufe zeigen:


a) Bereits vor der Geburt und in den ersten Lebensmonaten ist zunächst die rechte Gehirnhälfte für die Sprachentwicklung wichtig. Der Säugling lernt, sich in seiner kommunikativen Umwelt zu orientieren. Er sucht aktiv Orientierung an Kommunikationssignalen insbesondere der Mutter und reagiert auf Gefühlsaüßerungen. Er beginnt, selbst Lautäußerungen zu koordinieren. Zeigen Sie in dieser Phase Ihre Gefühle, suchen Sie Körperkontakt, schauen Sie das Kind an und geben Sie eindeutig verständliche Rückmeldungen.


b) Bis zum 20. Monat wird der Wortschatz vergrößert. Hier werden vor allem die ungeheuer vielen synaptischen Verbindungen, die in dieser Zeit entstehen genutzt, um Wörter, Gesten und Mimik zu lernen und sinnvoll zu verbinden. Reden Sie in dieser Zeit viel mit dem Kind und gehen Sie auf das Wissen ein, das es bereits besitzt. Das Kind kann so neues Wissen mit altem Verknüpfen. Es lernt, neue Begriffe sinnvoll einzubinden.


c) Vom 20.-25. Monat bis zum Alter von 3 Jahren lernt das Kind unbewusst, die grammatische Struktur der Muttersprache zu entschlüsseln. Achten Sie darauf, dass Sie selbst Grammatik und Wortwahl konsistent und korrekt benutzen.


3. Spiegelneuronen: In nahezu allen Gehirnregionen fanden Forscher in den letzten Jahren Nervenzellen, die ein faszinierendes Verhalten zeigen: sie reagieren nicht nur auf eigene Aktivitäten, sondern auch auf Dinge, die andere Menschen tun und sagen. Man nimmt an, dass diese Neuronen dafür verantwortlich sind, dass Kinder ein eigenes Bewusstsein erhalten. Und dass Kinder auf Grund dieser Zellen fähig sind, durch Nachahmung zu lernen. Die meisten dieser Zellen wurden bislang unterhalb des so genannte prämotorischen Areals, das für Handlungsplanung und –steuerung zuständig ist, entdeckt. Und zwar innerhalb einer Hirnregion, die für das Sprechen zuständig ist. Die wichtigste Aufgabe der Spiegelneuronen könnte demnach sein, Kommunikation zu lernen und zu üben. Besonders in den ersten Lebensjahren bilden die Spiegelneuronen viele synaptische Verbindungen aus. Die Spiegelzellen sind ein Beleg dafür, dass Kleinkinder vieles durch Beobachtung ihrer Bezugspersonen lernen.


Seien Sie also ein gutes Vorbild: Kommunizieren Sie deutlich und kommunizieren Sie ehrlich. Zeigen Sie Ihrem Kind, wie es erfolgreiche Kommunikation lernen und anwenden kann. Nutzen Sie Ihr Wissen um Ihre eigene kommunikative Kompetenz und geben Sie es Ihren Kindern weiter.



Quellen:

Bates, E. (1999). Plasticity, Localization and Language Development. In: Broman, S., and Fletcher, J. (1999). The Changing Nervous System. Oxford UP

John L. Locke (1993). The Child's Path to Spoken Language. Harvard U Press

Freitag, 6. März 2009

Kindlicher Spracherwerb durch Gesten – Was können Eltern und Großeltern tun?

Im Blog-Beitrag von gestern, 5.3.09 berichteten wir von einer Studie der University of Chicago, in der die Gesten der Kinder ihre eigene Sprachentwicklung fördern: 14 Monate alte Kleinkinder, die ca. 25 verschiedene Gesten beherrschen, haben später im Alter von viereinhalb Jahren durchschnittlich ein Vokabular von 114 Wörtern. 14 Monate alte Kleinkinder, bei denen nur ca. 15 verschiedene Gesten beobachtet wurden, können dreieinhalb Jahre später lediglich durchschnittlich 93 Wörter. Die Schere klafft mit zunehmendem Alter immer weiter auseinander. Es ist anzunehmen, dass sich die frühen Defizite im nichtverbalen Ausdruck auf die gesamte Kommunikationsfähigkeit eines Menschen auswirken.

Was können Eltern und andere nahe Bezugspersonen tun, um den Spracherwerb der Kinder schon früh zu fördern?

Die erste Regel lautet: Fördern Sie die Gesten, die Ihre Kinder machen, um etwas zu benennen. Sagen Sie zum Beispiel: „Ja, das ist ein Hund.“ Beschreiben Sie den Hund mit Ihren Worten für das Kind („Er macht wau-wau…, jetzt schäft er…“). Damit verstärken Sie aktiv die Kommunikationsfähigkeit der Kinder und das Benutzen von Gesten. Reagieren Sie auf die Gesten, die die Kinder machen und zeigen Sie den Kindern, dass Kommunikation sich lohnt, indem Sie freundlich sprechen und dabei lächeln. Verstärken Sie Gesten der Kinder bereits bevor Sie sprechen können mit sprachlichen Äußerungen. So lernen diese, dass verbale Kommunikation wichtig und sinnvoll ist.

Die zweite Regel: Seien Sie ein gutes Vorbild. Kinder profitieren gerade beim Spracherwerb extrem vom sogenannten Modelllernen. Sie imitieren Ihre Kommunikationsmuster, wenn sie der Meinung sind, dass diese Muster ihnen nutzen. Wenn Sie viel und oft Dinge benennen und verbal beschreiben, wird sich der Spracherwerb schneller vollziehen. Wenn Sie selbst Gestik und Mimik einsetzen, um Kommunikation effektiver zu gestalten, wird Ihr Kind das auch verstärkt tun – und seinerseits erfolgreicher kommunizieren.

Die dritte Regel: Gönnen Sie Ihren Kindern auch ab und zu Stille. Überfluten Sie sie nicht mit Information. Kinder brauchen die Stille, um Gelerntes zu „konsolidieren“. Umgangssprachlich sagt man, man sollte neu gelernte Dinge erst „sich setzen lassen“, damit sie später „sitzen“ und man sie erfolgreich anwenden kann. Kinder brauchen auch Zeiten der Stille, damit sie all das, was sie zuvor gehört haben, verarbeiten können. Schlecht wäre zum Beispiel, pausenlos den Fernseher laufen zu lassen. Gut dagegen, die Kinder auch einmal still vor sich hin spielen oder einfach schlafen zu lassen. Um dann wieder sprachlich und körpersprachlich mit ihnen zu kommunizieren.

Die Psychologinnen Susan Goldin-Meadow und Meredith Rowe von der University of Chicago untersuchten in einer Langzeitstudie den Zusammenhang von Gestik und Spracherwerb und deckten dabei auch gravierende Mängel bei der Kommunikation mit Kleinkindern auf. Der Spracherwerb von Kindern leide oft unter Stress, Zeitdruck und teilweise Interesselosigkeit der Eltern. Sie empfehlen, die Kommunikation mit Kindern bewusst zu suchen, denn von gelungenen Interaktionen profitieren nicht nur die Kinder, sondern unmittelbar auch Erwachsene. Wer ist nicht stolz und glücklich, wenn er erfolgreich mit Kindern kommuniziert, ihnen etwas beibringen kann oder sie zum Lächeln bringt?

Im nächsten Blog-Beitrag erfahren Sie einige biopsychologische Hintergründe des Spracherwerbs.

Quelle: Rowe, M, Goldin-Meadow, S, Ocskaliscan, S (2008). Learning words by Hands: Gesture´s role in predicting vocabulary development. First Language, 28 (2), pp. 182-199