Dienstag, 1. Dezember 2009
Der Teufel trägt Prada?
Mahatma Ghandi war der Meinung, dass "ein gewisses Maß an Harmonie und Komfort notwendig ist. Alles aber, was über dieses gewisse Maß hinaus geht, ist eher ein Hindernis, denn eine Hilfe."
Die Psychologen Roy Chua und Xi Zou von der Harvard Business School gingen Ghandis Beobachtung nach und untersuchten die Auswirkungen von Luxusgütern auf mentale Prozesse, Einstellungen gegenüber anderen und soziale Entscheidungen.
In einer Hinsicht bestätigen sie Ghandi schon einmal: Beschäftigung mit und Besitz von Luxusartikeln aktivieren eigennützige Einstellungen. Sie beeinflussen unsere Wahrnehmung und die Informationsverarbeitung unseres Gehirns und damit letztlich auch unsere Entscheidungen. Kurz: Wenn wir mit Luxusartikeln konfrontiert werden, denken wir mehr an uns selbst. Aber hat das auch Auswirkungen auf andere? Chua und Zou stellen in ihren Experimenten fest:
a) Luxus führt nicht zwingend dazu, dass wir uns 'fies' gegenüber anderen verhalten, aber er leitet Prozesse ein, die uns dazu verleiten, mehr an uns selbst und weniger an andere zu denken.
b)Luxus wirkt sich auf unser Entscheidungsverhalten derart aus, dass wir eher unsere eigenen Belange im Auge haben und mehr in Richtung Profitmaximierung entscheiden.
c)Luxus aktiviert zwar eigennützige psychische Konzepte, jedoch nicht die Tendenz, anderen zu schaden.
Die Harvard-Forscher folgern also, dass Luxus den Menschen nicht automatisch zum Teufel werden lässt, der rücksichtslos anderen Gruben gräbt, um seine Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen. Luxus führt lediglich dazu, dass wir ein bisschen mehr auf uns selbst achten. Und das kann durch aus seine positiven Seiten haben.
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Quelle: hbswk.hbs.edu
Dienstag, 3. November 2009
Was unser Gesicht über Aggressivität verrät
Das berichten Dr. Justin Carré und seine Kollegen von der Brock University of Ontario, Kanada. In ihrem psychologischen Experiment gingen sie der Frage nach, ob es möglich ist, die Tendenz zu aggressivem Verhalten mit einem kurzen Blick in die Gesichtszüge des Gegenübers einzuschätzen. Dazu zeigten sie ihren Versuchspersonen Bilder von Männern, deren Aggressivität sie zuvor im Labor untersucht hatten.
Obwohl alle Männer auf den Bildern einen neutralen ('un-emotionalen') Gesichtsausdruck aufgesetzt hatten, filterten die Versuchspersonen erstaunlicherweise recht zuverlässig die aggressiven Männer heraus. Und zwar unabhängig davon, ob sie die Bilder eingehend betrachten durften oder nur ganz kurz (für 39 Millisekunden) gezeigt bekamen.
Dr. Carré und sein Team erklären ihren interessanten Befund damit, dass wir zur Einschätzung der Aggressivität von Unbekannten (schnelles Entscheiden kann hier überlebenswichtig sein!) einen sehr groben, aber ungemein zuverlässigen Indikator heranziehen: Die sogenannte width-to-height ratio (WHR), sprich: Das Verhältnis der Entfernung vom linken zum rechten Wangenknochen und der Entfernung von der Oberlippe zu den Augenbrauen.
Während Jungen und Mädchen in der Kindheit keinen Unterschied in der WHR zeigen, entwickeln junge Männer in der Pubertät eine größere WHR. Untersuchungen bei jungen Männern haben außerdem gezeigt, dass solche mit einer größeren WHR auch tendenziell mehr aggressives Verhalten zeigen.
Tatsächlich ging im Expreiment von Dr. Carré die Einschätzung aggressiven Verhaltens mit einer größeren WHR einher - welche wiederum proportional zur vorher festgestellten Aggressionsneigung der Männer war.
Die Ergebnisse belegen, dass beinahe unmerkliche Unterschiede in der Gesichtstruktur anderer Menschen sehr stark unsere Einschätzung und unser Verhalten gegenüber diesen Menschen beeinflussen können.
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Quelle: Carré, JM, McCormick, CM, Mondloch, CJ (2009). Facial Structure is a Reliable Cue of Aggressive Behavior. Psychological Science, 20 (10)
Mittwoch, 16. September 2009
Psychologische Begriffe: Chamäleon-Effekt
Haben Sie schon einmal darauf geachtet, dass Sie sich nach vorne lehnen, wenn sich Ihr Gesprächspartner nach vorne lehnt? Oder dass Sie die Arme verschränken, wenn Ihr Gegenüber das tut? Oder dass Sie auf 'Heimaturlaub' andere Ausdrücke, Gesten und Mimik benutzen als sonst irgendwo auf der Welt in Ihrer Freizeit?
Wir imitieren täglich unsere Kommunikationspartner - und das zumeist unbewusst. In einschlägigen Kursen zum Neurolinguistischen Programmieren können Sie das allerdings auch bewusst lernen. Eine Basisübung besteht dort nämlich darin, den Gesprächspartner zu spiegeln - in Haltung, Mimik, Gestik und sogar verbal. Der Grund: Das Imitieren schafft Sympathie. Denn Sympathie mit einem anderen Menschen empfinden wir zuverlässig immer dann, wenn wir eine gewisse Ähnlichkeit miteinander feststellen - in Worten und Taten. "Hey, der ist wie ich!" - klingt doch sympathisch, oder?
Doch eigentlich brauchen wir keine Kurse für unser Imitationsverhalten. Wir imitieren ganz natürlich, weil wir spüren, dass andere das mögen. Diese Mimikry ist sogar so tief in uns verankert, dass wir oft gar nicht anders können. Schuld daran sind Schaltkreise im Gehirn, bei denen so genannte Spiegelneuronen aktiv sind (siehe unseren Blog-Beitrag vom 22.7.09).
Am Max-Planck-Institut in Leipzig werden seit einigen Jahren Versuche zum menschlichen Imitationsverhalten durchgeführt. Eines der faszinierendsten zeigt, dass wir nicht nicht imitieren können: Der Neuropsychologe Roman Liepelt zeigte einem Teil seiner Versuchsteilnehmer Fotos von Händen, bei denen zwei Finger durch ein Gestell fixiert waren. Dabei sollten sie mit ihren eigenen Fingern per Tastendruck Reaktionsaufgaben meistern. Das erstaunliche Ergebnis: Sahen die Teilnehmer die fixierten Finger, konnten sie ihre eigenen Finger nur noch erheblich langsamer bewegen! Die simultane Aufzeichnung ihrer Gehirnaktivität zeigte, dass dabei ihre Spiegelneuronen involviert waren.
Fazit: Was der Kommunikationspsychologe Paul Watzlawick allgemein über Kommunikation sagte ("Man kann nicht nicht kommunizieren"), gilt speziell auch für Imitation: Wir können nicht nicht imitieren. Und das ist gut so. Denn Imitation schafft Vertrauen. An der Universität von New York imitierten die Psychologen Tanya Chartrand und John Bargh ihre Versuchsteilnehmer und wurden anschließend als wesentlich sympathischer von ihnen eingeschätzt als ohne Imitation.
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Dienstag, 18. August 2009
Lost in Translation.
Asiaten tun sich in der Regel schwerer als Angehörige des westlichen Kulturkreises damit, emotionale Gesichtsausdrücke einzuordnen.
Rachael E. Jack von der Universität Glasgow erklärt in ihrer wissenschaftlichen kulturvergleichenden Studie, warum: "Östliche und westliche Teilnehmer unserer Studie sahen sich schlicht und ergreifend andere Ausschnitte der Gesichter an, die wir ihnen zeigten." Die Forscherin legte ihren Probanden Fotos von Personen vor, die Gefühle zeigten - etwa Trauer, Freude, Ärger oder Ekel.
^_^ oder :-) ? Was drückt in Ihren Augen besser 'Freude' aus?
Normaler Weise werden diese Emotionen im ganzen Gesicht ausgedrückt. Augen Mund, Nase, Stirn, alle Gesichtsteile machen den Ausdruck der Emotion mit und die dahinter stehenden Gefühle damit für andere sichtbar. Im Experiment veränderte Rachael Jack einige der Bilder jedoch so, dass einige Gesichtsteile 'neutral' blieben, während andere ganz klar Emotionen ausdrückten. Während die Versuchsteilnehmer die gezeigten Gefühle einordneten, maß sie deren Augenbewegungen und Blickrichtung mittels Elektrookulografie (Eye Tracking).
Dabei stellte sie fest, dass asiatische Teilnehmer beinahe ausschließlich die Augenpartie für die Gefühlseinschätzung betrachteten, während die Blicke der westlichen Versuchsteilnehmer das gesamte Bild scannten. Dem entsprechend fiel es den Asiaten schwerer als Europäern, Emotionen zu benennen, wenn die Augenpartie neutral belassen wurde.
Bei den sogenannten "Emoticons" zeigt sich die kulturelle Prägung beim Emotionsausdruck besonders anschaulich:
Im Chatroom drücken ostasiatische Teilnehmer Freude mit ^_^ aus und Trauer mit ;_;
Die kritische Veränderung findet hier also bei der Augenpartie statt, während Europäer die Augen unverändert lassen und die Mundpartie betonen: Freude wird mit :-) gezeigt und Trauer mit :-(
Die Studie zeigt recht anschaulich, dass in puncto interkultureller Kommunikation auch und vor allem auf die nonverbalen Signale geachtet werden muss. Ein Beispiel: Europäer zeigen aus Höflichkeit oft das sogenannte "Flugbegleiter-Lächeln", indem sie die Mundwinkel nach oben ziehen und das restliche Gesicht unverändert lassen (Selbstversuch: das 'echte' Lächeln passiert übrigens mit Mund UND Augen!). Asiaten tun sich mit der Interpretation dieses 'Gefühlsausdrucks' zurecht schwer. Während man dieses Lächeln in Europa aus kulturellen Konventionen automatisch als Wohlwollen und Freundlichkeit interpretiert, werden für Asiaten hier eigentlich inkongruente Botschaften gesendet: Man verzieht die Mundwinkel (wie es Asiaten auch tun würden), aber man 'lächelt' nicht, denn sonst würde man die Augen (mit-)benutzen.
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Quelle: Cell Press (2009, August 16). Facial Expressions Show Language Barriers, Too. ScienceDaily. Retrieved August 17, 2009, from http://www.sciencedaily.com /releases/2009/08/090813142131.htm
Freitag, 31. Juli 2009
Hot or not? Männer sind sich einig. Frauen nicht.
"Männer sind sich sehr stark darüber einig wen sie attraktiv finden und wen unattraktiv, Frauen hingegen denken differenzierter," so Wood. "In unserer Studie konnten wir diesen offensichtlichen Geschlechterunterschied erstmals objektiv zeigen".
In ihrem Experiment bewerteten über 4000 Teilnehmer zwischen 18 und 70 Jahren die Attraktivität von Männern und Frauen auf Fotos im Alter zwischen 18 und 25 Jahren auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht attraktiv) bis 10 (sehr attraktiv).
Bevor die Teilnehmer die Attraktivität der Personen auf den Bilden einschätzten, wurden die Bilder erst einmal von dem Forscherteam selbst eingestuft, je nach dem wie verführerisch, selbstsicher, dünn, sensibel, modisch, kurvenreich (Frauen), muskulös (Männer), traditionell, männlich/weiblich, klassisch, gepflegt oder fröhlich die Personen aussahen. Dies half den Forschern als Marker, welche Merkmale einen besonderen Einfluss haben könnten.
Das Ergebnis: Die Urteile der Männer basierten größtenteils auf der physischen Attraktivität der Frauen: Am attraktivsten wurden vor allem Frauen mit einem schlanken, verführerischen Äußeren eingestuft. Eine kleine Überraschung fand man dennoch: Auch Frauen, die selbstsicher wirkten, wurden als attraktiver eingeschätzt.
Frauen zeigten zwar eine gewisse Tendenz für schlanke, muskulöse Männer, aber sie waren sich im Großen und Ganzen sehr uneinig darüber, wer attraktiv ist und wer nicht. Manche Frauen bewerteten Männer als sehr attraktiv, die zuvor von anderen Frauen als überhaupt nicht attraktiv bewertet wurden.
Die Studie habe wichtige Implikationen für die unterschiedlichen Strategien der Geschlechter bei der Partnersuche, so Wood. Seine Argumentation: Frauen werden mit weniger Wettbewerb um den Angebeteten konfrontiert werden, Männer hingegen müssen mehr Zeit und Energie in ihre Wunschpartnerin investieren, und sie dann noch vor anderen Interessenten bewachen.
"Die Studie zeigt außerdem, warum es für Frauen wichtiger ist, ihre physische Attraktivität aufrechtzuerhalten. Frauen, die Männer beeindrucken wollen, haben mit großer Wahrscheinlichkeit mehr Erfolg, wenn sie gewisse physische Standards erfüllen. Obwohl auch Männer, die diesen Standards entsprechen, als attraktiver eingeschätzt werden - insgesamt ist ihre Bewertung nicht so stark an körperliche Merkmale gebunden," meint Dustin Wood.
Zeit für die Männer, ihr Attraktivitätsrating noch einmal zu überdenken: gibt es neben der physischen Attraktivität noch andere Vorzüge an potentiellen und realen Partnerinnen? Finden und loben Sie diese. Frauen fahren sehr erfolgreich mit dieser Strategie. Und geben zudem häufiger an, den 'Richtigen' gefunden zu haben.
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Quelle: www.wfu.edu/news/release/2009.06.25.a.php, Homepage der Wake Forest University
Mittwoch, 29. Juli 2009
Psychologische Begriffe: 'Carpenter-Effekt' - mit Selbst-Test!
Sie unterliegen einem interessanten psychologischen Effekt, den der englische Arzt und Naturwissenschaftler William B. Carpenter erstmals 1852 beschrieb: Nehmen wir eine Bewegung oder eine handlungsrelevante Situation war (Stau-Ende!, Bremslichter!), dann spüren wir bewusst oder unbewusst einen Hang dazu, die entsprechenden Bewegungen auszuführen.
Ein anderes Beispiel: Im Kino wird eine rasante Achterbahnfahrt aus der Perspektive der Fahrenden gezeigt. Beobachten Sie die Leute um Sie herum, wenn es in den Looping geht: Fast jeder macht kleine Bewegungen mit Gesicht und Körper mit - ganz so, als würde er sich selbst festhalten müssen. Manche gehen sogar richtig mit und lehnen sich etwas nach links oder rechts.
Im Beitrag vom 20.7.09 berichteten wir über Spiegelneurone - die neurophysiologischen 'Auslöser' dieser unwillkürlichen Bewegungen. Wir zeigten auch, dass man nicht jede Bewegung, die man sich vorstellt (oder wahrnimmt), automatisch ausführt (oder kopiert), weil ein bewusster Hemmmechanismus uns davon abhält, auf das virtuelle Bremspedal vor dem Beifahrersitz zu treten.
Doch dieser Hemmmechanismus ist nicht perfekt - und so wird dem Carpenter-Effekt die Tür geöffnet.
Viele esoterische Phänomene, die zunächst Staunen hervorrufen, verlieren ihre Faszination, wenn man den Carpenter-Effekt berücksichtigt.
Bei vielen Wünschelrutengängern bewirkt zum Beispiel der unbewusste Gedanke daran, dass sich die Wünschelrute an einem bestimmten Ort bewegen könnte, dass sich das Verhalten der Armmuskeln unmerklich verändert - feststellbar nur an der Position der Wünschelrutenspitze. Was dann auf die falschen Ursachen zurückgeführt wird. Auch Pendeln und Gläserrücken funktioneren erwiesener Maßen nach dem Carpenter-Prinzip. Und nicht auf Grund irgendeiner höheren Macht.
Genau genommen ist der Carpenter-Effekt nur ein Spezialfall des sogenannten "Ideomotorischen Gesetzes" (auch als ideomotorisches Prinzip bezeichnet). Es umfasst neben dem Carpenter-Effekt das 'Ideo-Real-Gesetz', das Gefühlsansteckung (zum Beispiel im Kino), Mimik, Suggestion und Hypnose mit einschließt.
Genutzt wird das ideomotorische Prinzip vor allem in der Psychotherapie - bei Entspannungsübungen und im Autogenen Traning. Unter professioneller Anleitung wird hier gelernt, sich wirksam selbst zu beeinflussen, ruhig zu werden, Stress abzubauen. Dabei steht die intensive Vorstellung im Mittelpunkt, zur Ruhe zu kommen. Was dann auch wirklich passiert.
Zum Schluss ein einfacher Test zur Überprüfung des Effekts: Nehmen Sie sich ein Pendel zur Hand. Dieses Pendel kann wahrsagen! Halten Sie es mit der linken Hand in der Luft. Ihre rechte Hand befindet sich unterhalb des Pendelgewichtes. Das Pendel wird nun ja-nein-Antworten geben, und zwar folgender Maßen: Wenn Sie ihm eine Frage stellen, wird es nach einiger Zeit anfangen, sich zu bewegen: Wenn die Antwort 'nein' lautet, wird es hin und her schwingen. Lautet die Antwort 'ja', wird es anfangen zu kreisen. Hin und her für 'nein', kreisen für 'ja'. Bewegen Sie NICHT ihre Finger! Alles klar? Viel Spaß!
Zur Überprüfung: Nehmen Sie das Pendel zur Hand und denken Sie über längere Zeit: nein nein nein nein nein.... Bewegt sich das Pendel hin und her, selbst wenn Sie Ihre Finger nicht bewegen? Was passiert, wenn Sie statt dessen 'ja ja ja ja ja...' denken? Sehen Sie...
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Mittwoch, 22. Juli 2009
Psychologische Begriffe: "Spiegelneuronen"
Ungleich jeder anderen Art auf diesem Planeten können wir sprechen, Werkzeuge herstellen, abstrakte Ideen zeichnen und formulieren und vor allem: Scheinbar die Gedanken anderer Menschen und Tiere lesen. Und so deren Verhalten vorhersagen.
"Theory of Mind" - "Mentalisierung" nennen Psychologen unsere Fähigkeit, die Gedanken anderer zu erraten, indem wir deren Verhalten beobachten. Ein Beispiel: Susi greift in eine leere Keksdose. Was denkt Susi wohl? Wir nehmen an, dass Susi ein Keks essen will. Und wir nehmen an, dass Susi glaubt, Kekse in der Dose zu finden. Das ist die eigentliche "Theory of Mind"-Leistung: Zu erkennen, was Susi denkt. Nur Primaten und einige Vogelarten sind überhaupt dazu fähig.
Der Mensch wiederum ist das einzige Lebewesen, das seine Annahmen über die Gedanken anderer auch noch an Dritte kommunizieren kann.
Eine der interessantesten Fragen in diesem Zusammenhang ist: Wie funktioniert das 'Gedankenlesen' eigentlich? Und in diesem Zusammenhang: Warum können wir nicht nur Absichten erraten, sondern auch mitfühlen, mitleiden und andere imitieren?
Wie bei vielen großen Entdeckungen, brachte ein Zufall die Hirnforschung auf die Spuren der Theory of Mind: Anfang der 90er Jahre gaben italienische Forscher einem Affen eine Erdnuss. Daraufhin begannen Nervenzellen im Gehirn des Affen zu "feuern", die für Bewegung zuständig waren, obwohl der Affe nicht einmal einen Finger gerührt hatte. Die Forscher waren fasziniert und wiederholten das 'Experiment'.
Und es wurde noch besser: Sie bemerkten, dass dieselben für zielgerichtete Bewegungen zuständigen Nervenzellen aktiv wurden, wenn der Affe eine Erdnuss an andere verteilte, als auch dann, wenn er selbst die Bewegung nur beobachtete! Diese Nervenzellen nannten die Forscher "Spiegelneurone".
Im menschlichen Gehirn findet man sie in vielen Regionen, besonders aber in den für bewusste Bewegungen und Handlungsplanung zuständigen Gebieten ('Prämototischer Kortex' und 'inferiorer parietaler Kortex').
Dass der Affe sich nicht bewegte, obwohl bewegungsrelevante Neuronen aktiv waren, lag an einem vergleichsweise simplen 'Hemmmechanismus' im Gehirn. Er wird automatisch aktiv, wenn wir eine Bewegung nur sehen und nicht ausführen wollen. Dass dieser Mechanismus nicht immer vollständig funktioniert, können Sie selbst in einem kleinen Experiment testen: Geben Sie einer befreundeten Person in einer Gruppe von Menschen ein Glas mit 'Wasser', in das Sie den Saft einer ganzen Zitrone gepresst haben. Teilen Sie das den anderen Personen vorher mit und Sie werden beobachten, dass sich ihre Gesichter verziehen, sobald Ihr 'Opfer' das Glas an den Mund setzt - ganz so, als würden sie die Zitrone selbst schmecken.
Das Ergebnis der Beobachtung mag zunächst nicht sehr spannend klingen, aber die theoretischen und praktischen Auswirkungen waren gewaltig: Endlich hatte man eine physiologische Erklärung dafür gefunden, wie das Lernen komplexer Abläufe funktioniert: Sprache, Sport oder bestimmte Rituale müssen wir uns zunächst von anderen abschauen oder hören, bevor wir eine Vorstellung davon entwickeln und bevor wir sie selbst ausführen können. Die Grundlage für all das liefern uns die Spiegelneurone.
In diesem kleinen Video (Anklicken führt Sie zu Youtube) erfahren Sie weitere Interessante Informationen über Spiegelneurone:
Wie wichtig diese Nervenzellen für uns sind, zeigt sich dann, wenn wir psychische Krankheiten betrachten, bei denen ihre Funktion eingeschränkt ist:
Autisten fehlt oft Empathie, Mitgefühl und die Fähigkeit, andere imitieren zu können. Wir sagen: sie leben in ihrer 'eigenen Welt'. Vieles spricht dafür, dass die Signalübertragung ihrer Spiegelneuronen nicht adäquat gesteuert wird.
Bei Schizophrenie, Alzheimer und anderen gravierenden organisch bedingten Krankheiten des Gehirns beobachtet man oft, dass die Betroffenen im Gespräch Gestik und Mimik ihrer Gesprächspartner fast zwangsweise imitieren. Die Patienten können auch nicht anders, denn bei ihnen ist der Hemmmechanismus außer Kraft gesetzt, der bei gesunden Menschen bewirkt, dass die Aktivität der Spiegelneuronen unterdrückt wird.
Von medizinischer und psychologischer Seite wird deshalb viel Engagement in die Forschung mit Spiegelneuronen gesetzt. Anthropologen und Sprachwissenschaftler versuchen aus neuen Erkenntnissen über diese gehemnisvollen Nervenzellen zu entschlüsseln: Wie die menschliche Evolution abgelaufen ist, wie Lernen und Imitation funktioniert - und was uns Menschen so besonders macht.
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Quelle: Rizzolatti, G. (2006). Mirrors in the mind. Scientific American, 295 (5), pp. 30-37
Donnerstag, 2. Juli 2009
"Ordnung im Chaos" - unser Verlangen nach Struktur beeinflusst unsere Entscheidungen
An den letzten beiden Donnerstagen berichteten wir über die Aufsehen erregenden Forschungsergebnisse von Jennifer Whitson und Adam Galinsky (Universität in Austin, Texas). Sie wiesen experimentell nach, dass Verlust von Kontrolle über private und berufliche Aufgaben unser Gehirn automatisch nach Mustern und Strukturen suchen lässt, die diese Kontrolle wiederherstellen.
So 'erkennen' Menschen, die experimentell Kontrollverlust erlitten hatten, in eigentlich zufälligen Börsenschwankungen 'bedeutsame' Muster und Trends (siehe Beitrag vom 18. Juni). Whitson und Galinsky wiesen auch nach, dass Aberglaube und Verschwörungstheorien auf dem Nährboden von Kontrollverlust gedeihen (siehe Beitrag vom 25. Juni). Kontrollverlust führt also zu Wahrnehmungs- und Interpretationsfehlern, die durchaus ernsthafte Nebenwirkungen haben können.
Wie vermeidet man also die Entstehung derartiger Wahrnehmungsfehler?
Man packt das Übel bei der Wurzel! Der Schlüssel dazu ist tatsächlich die Wiederherstellung des Kontrollgefühls. Wir müssen uns - real oder sogar künstlich - dieses Kontrollgefühl wieder vergegenwärtigen, uns bewusst werden, dass wir fähige Menschen sind, die in der Regel Entscheidungen treffen können - und zwar gute! - und uns gemäß unserer eigenen Bedürfnisse und Werte verhalten.
Whitson bat ihre (unter zuvor künstlich induziertem Kontrollverlust leidenden) Versuchspersonen zu diesem Zweck an Ereignisse zu denken, die sie völlig unter Kontrolle hatten, bei denen sie eine optimale Leistung erbracht und einfach ein gutes Gefühl hatten. Zusätzlich sollten sich ihre Versuchspersonen auf ihre Werte, ihre Grundüberzeugungen und wichtige Dinge in ihrem Leben besinnen.
Sie ließ sich diese Geschichten erzählen und gab ihnen dann ebenfalls die Börsen-, Aberglauben- und Verschwörungsaufgaben. Und siehe da: Sie verhielten sich genauso wie die Menschen, die zuvor nicht unter Kontrollverlust litten. Unsere Erinnerung - an vergangene Leistungen und an die Werte, die uns leiten - wirkt also protektiv.
Die Experimente von Whitson und Galinsky offenbaren eine gute Strategie für Krisenzeiten: Wenn wir uns vergegenwärtigen, was wir können und was wir geschafft haben
- entscheiden wir besser
- sind wir weniger abergläubisch
- haben wir weniger negative Einstellungen gegenüber anderen (Verschwörungstheorien) und
- verbesserte Selbstwirksamkeitsüberzeugungen
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Quelle: Whitson, J. & Galinsky, A (2008). Lacking control increases illusory pattern perception. Science, 322, pp.115-117
Donnerstag, 25. Juni 2009
"Ordnung im Chaos" - Unser Verlangen nach Struktur beeinflusst unsere Entscheidungen
In unserem Beitrag vom 18.6.09 berichteten wir über die Experimente von Jennifer Whitson und Adam Galinsky. Sie zeigten: Kontrollverlust führt dazu, dass sich Menschen verstärkt darum bemühen, wieder Ordnung in ihrer Umwelt zu schaffen. Mit kuriosen Folgen: Sie erkennen dann dort Muster, wo eigentlich der Zufall regiert. Zum Beispiel bei fiktiven Börsenschwankungen.
Welche Blüten kann der Kontrollverlust noch treiben? Whitson und Galinsky untersuchten zunächst, welche Auswirkungen mangelnde Kontrolle auf die Entstehung von Aberglaube hat. Generell entsteht Aberglaube, wenn auffällig oft Dinge gleichzeitig passieren, die eigentlich nichts miteinander zu tun oder eine zunächst unbekannte gemeinsame Ursache haben. Beispiel: Ein Tennisspieler bemerkt, dass er häufiger ein Spiel gewinnt, wenn er seine Trinkflasche an einen bestimmten Platz stellt. Folge: Er wird sich darum bemühen, bei den nächsten Spielen die Flasche genau so hinzustellen. Die wahre Ursache, warum er mit diesem Trick häufiger gewinnt ist natürlich, dass seine subjektive Überzeugung zu gewinnen steigt. Und damit Selbstvertrauen und Siegeswille - wichtige psychologische Faktoren.
Whitson und Galinsky nahmen folgerichtig an, dass Aberglaube aus mangelnder Kontrollüberzeugung entsteht: Können wir selbst die Dinge nur schwer beeinflussen, weil andere Personen mitspielen oder die Konjunktur oder schlicht der Zufall, versuchen wir ganz einfach, irgendeine Ursache für die Phänomene in unserer Umwelt zu finden. Damit wir wenigstens die Chance bekommen, Prognosen abzugeben. Und tatsächlich zeigte sich im Experiment: Diejenigen, denen die Kontrolle über ihre Aufgaben abhanden gekommen war, entwickelten eher abergläubische Vorstellungen.
In einer weiteren interessanten Variation erzählten die Wissenschaftler ihren Versuchspersonen eine Geschichte, in der Mitarbeiter einer fiktiven Hauptperson zweideutige Bemerkungen über deren Karriereentwicklung machten. Wieder glaubten die Versuchspersonen, die unter Kontrollverlust litten eher daran, dass sich die Mitarbeiter gegen die Hauptperson verschworen hatten, um deren Karriere einzubremsen. Das Gefühl mangelnder Kontrolle zieht also viele negative Erlebens- und Verhaltensweisen in den verschiedensten Bereichen nach sich.
Bis hierhin können die Experimente von Whitson und Galinsky also bestenfalls als Warnung dienen. Aber die Forscher machten noch einen letzten Schritt. Lesen Sie nächste Woche, wie man die negativen Folgen von mangelndem Kontrollgefühl vermeiden kann.
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Donnerstag, 18. Juni 2009
"Ordnung im Chaos" - Unser Verlangen nach Struktur beeinflusst unsere Entscheidungen
Haben Sie sich jemals gefragt, wie Aberglaube entsteht? Oder wie Verschwörungstheorien entstehen? Oder warum Börsenkurse sich manchmal völlig irrational verhalten?
Wir Menschen versuchen ständig, Ordnung in das Chaos dieser Welt zu bringen. Damit wir sie verstehen können, damit wir unser Verhalten an äußere Bedingungen anpassen können, damit wir Gefahren vorhersagen können. Unser Bedürfnis nach Ordnung geht sogar so weit, dass wir, wenn uns objektive Fakten fehlen, die Sterne um Rat fragen - eigentlich sinnlos, aber es gibt uns ein gutes Gefühl. Ein Gefühl der Kontrolle.
Und wann brauchen wir dieses Gefühl am meisten? Richtig. Wenn wir die Kontrolle verloren haben. Das heißt, wenn wir das Gefühl haben, dass wir fremdgesteuert werden, dass nichts, was wir tun, auch nur irgendetwas ändert und alles eigendynamisch in eine zufällige Richtung steuert. Welche phänomenalen Auswirkungen Kontrollverlust auf unser Ordnungsbedürfnis haben kann wurde jetzt wissenschaftlich untersucht.
Aber machen wir zunächst einen kleinen Test. Was erkennen Sie?
Nichts? Gut so. Die Punkte sind nämlich chaotisch verteilt. Lässt man seiner Fantasie eine Zeit lang freien Lauf, so erkennt man mit der Zeit sicher das ein oder andere Muster. Das ist normal und kann sogar Spaß machen. Jennifer Whitson und Adam Galinsky von der Universität in Austin (Texas) hatten eine andere Hypothese: Je geringer unser Kontrollgefühl, desto verzweifelter versucht unser Gehirn, Ordnung in die Welt zu bringen. Deshalb sollten Menschen, denen während ihrer Experimente das Gefühl von Kontrollverlust vermittelt worden war*, schneller irgendwelche Dinge, Bilder oder Muster in ihren chaotischen Punktwolken erkennen als in einem entspannten Zustand. Das zeigte sich auch.
Doch Whitson und Galinsky gingen noch einen Schritt weiter. Und hier wird das Experiment interessant: Sie lieferten ihren Probanden zufällig ausgewählte Statements über Börsenkurse. Diejenigen Versuchsteilnehmer, die über ein geringeres Kontrollgefühl verfügten, sahen in den zufälligen Statements eher Zusammenhänge und Trends als die anderen Versuchsteilnehmer. Sie waren auch eher zu Entscheidungen über Kauf und Verkauf bereit.
Gerade in der aktuellen Wirtschaftskrise könnten Gefühle von Kontrollverlust eine wichtige Rolle spielen. Jennifer Whitson: 'Das wachsende Gefühl von Kontrollverlust bei Börsenhändlern und Investoren hat das Chaos nur noch verstärkt. Menschen reagieren in solchen Situationen besonders irrational und machen selbst wichtige Entscheidungen etwa von ihrem Horoskop und kleinen Ritualen abhängig.'
Lesen Sie nächste Woche, wie mangelndes Kontrollgefühl die Entstehung von Aberglauben begünstigt und wie wir unsere Entscheidungen verbessern können, indem wir unser Kontrollgefühl wiederherstellen.
*ein geringes Kontrollgefühl kann ausgelöst werden, indem man den Versuchspersonen zuvor unlösbare Logik-Aufgaben gibt oder sie einfach ihre Erfahrungen in unkontrollierbaren Situationen erinnern lässt.
gepostet i. A. von Dr. Stephan Lermer
Quelle: Whitson, J. & Galinsky, A (2008). Lacking control increases illusory pattern perception. Science, 322, pp.115-117
Donnerstag, 4. Juni 2009
Mit der rosaroten Brille
Menschen, die die berühmte rosarote Brille tragen, filtern nicht selektiv - wie das Sprichwort vermuten lässt - die guten Infos aus der Umwelt aus, sondern nehmen in Wahrheit sogar mehr Dinge wahr als andere.
Eine Studie der University of Toronto zeigt, dass unsere Stimmung tatsächlich beeinflusst, wie gut unser visuelles System funktioniert. Prof. Adam Anderson fasst die Ergebnisse zusammen: "Unsere Studie zeigt: Wenn wir in positiver Stimmung sind, nimmt unser visueller Kortex [diejenigen Hirnregionen im hinteren Teil des Schädels, die mit der Verarbeitung des Gesehenen beschäftigt sind, d. Red.], mehr Informationen auf, während negative Stimmung zu einer Art 'Tunnelblick' führt."
Die Forscher versetzten ihre Versuchspersonen in gute, neutrale oder negative Stimmung, bevor sie sie in einem Magnetresonanztomographen untersuchten. Sie fanden, dass die rosarote Brille einer guten Stimmung weniger die Farben der Welt, sondern vielmehr die Bandbreite unserer Wahrnehmung verändert.
Taylor Schmitz, Leiter der Studie, erklärt den Zusammenhang: "In guter Stimmung nimmt die Zahl der wahrgenommenen Objekte zu. Das hört sich zunächst gut an, kann aber auch zu verstärkter Ablenkung führen. Gute Stimmung vergrößert buchstäblich das Fenster, durch das wir die Welt sehen. Das Gute daran ist, dass wir dadurch die Dinge aus einer globalen, integrativen Perspektive aus sehen. Kurz: Wir haben mehr Überblick und entdecken schneller Zusammenhänge. Auf der anderen Seite fokussieren wir Dinge weitaus besser, wenn wir in schlechter Stimmung sind."
Fazit: Organisatorische Aufgaben, Entscheidungen, Meetings und Kreativleistungen gelingen besser in guter Stimmung.
Und falls Sie einmal schlecht gelaunt sein sollten: Suchen Sie sich eine Aufgabe, die Konzentration auf eine einzige Sache, Präzision und Ausdauer verlangt.
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Quelle: Taylor W. Schmitz, Eve De Rosa, and Adam K. Anderson (2009). Opposing Influences of Affective State Valence on Visual Cortical Encoding
J. Neurosci., 29: 7199 - 7207 ;
Mittwoch, 20. Mai 2009
Think Twice - Der Halo-Effekt
1974 designte der damals weltberühmte Psychologe Richard Nisbett eine Serie von Experimenten, mit denen er wissenschaftlich belegen konnte, was 1920 schon Edward Lee Thorndike vermutet hatte: Bei der Beurteilung unserer Mitmenschen greifen wir uns - oft unbewusst, aber systematisch - eine Eigenschaft oder einen allgemeinen Eindruck heraus. Diese von uns gewählte Eigenschaft 'überstrahlt' dann andere Eigenschaften der Beurteilten und führt unmittelbar zu einem Gesamturteil über eine Person. Alle anderen Eigenschaften werden sozusagen 'im Lichte' der von uns gewählten zentralen Eigenschaft bewertet.
Faszinierend dabei: Obwohl sich die meisten Menschen auch ohne explizites psychologisches Hintergrundwissen dieses Effekts bewusst sind, können sie sich nur sehr schwer dagegen wehren. Die berühmte 'rosarote Brille' im Zustand der Verliebtheit ist ein Beispiel dafür: Wer gut aussieht, wird oft auch als liebevoller, charmanter und verständnisvoller angesehen - Eigenschaften, die völlig unabhängig voneinander sind. Richard Nisbett zeigte nun, wie verblüffend stark der Halo-Effekt ist. In seinen Experimenten teilte er Versuchspersonen in zwei Gruppen ein. Beiden Gruppen zeigte er ein fiktives Bewerbungsvideo eines neuen Professors (unter anderem mit belgischem Akzent -das ist relevant!). Die Studenten sollten mit Hilfe eines Evaluationsbogens den neuen Dozenten nach verschiedenen Gesichtspunkten beurteilen - Unter anderem Aussehen, Akzent und Verhalten. Der Clou dabei: Beide Gruppen sahen dieselbe Person, die dem Interviewer dieselben Antworten gab und sich gleich verhielt. Mit einem einzigen Unterschied: in der einen Bedingung gab der Dozent die Antworten in einer warmherzigen Art, im anderen Video wirkte er kalt und distanziert. Diese Eigenschaft wurde allerdings im Beurteilungsbogen nicht direkt berücksichtigt.
Das erste Ergebnis bestätigte den Halo-Effekt: Der 'warmherzige' Dozent wurde in allen Punkten (selbst bei der Beurteilung des Akzents!) besser eingeschätzt als sein distanziertes Alter Ego. Doch das zweite Ergebnis war noch beeindruckender: Nach der Studie wurden alle Studenten darüber informiert, dass ihre Beurteilung der Eigenschaften des Dozenten wahrscheinlich von der zentralen Eigenschaft warmherzig vs. distanziert abhängt.
Die Studenten wurden danach einzeln befragt, ob das bei ihnen der Fall gewesen wäre. 'Nein, nicht bei mir! Ich habe mich nicht beeinflussen lassen!' war die beinahe einhellige Meinung. Alle waren zudem davon überzeugt, dass sie die globale Einschätzung des Dozenten nicht von der zentralen Eigenschaft abhängig gemacht hatten, sondern ausschließlich von den Kriterien, die im Beurteilungsbogen aufgeführt waren.
Woher kam dann aber die bessere Beurteilung für den warmherzigen Dozenten? Besonders bei der Leistungsbeurteilung stellt der Halo-Effekt eine zentrale Fehlerquelle dar. Aber auch im Alltag lohnt es sich für jeden von uns, ab und zu noch einmal genauer hinzuschauen, bevor wir jemanden beurteilen.
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Dienstag, 19. Mai 2009
Der Soundtrack des Gehirns
Beinahe jeder Mensch liebt Musik. Welche Art von Musik wir wann mögen, hängt dabei wesentlich von unserer Stimmung ab. Andererseits ist es auch erwiesen, dass Musik Stimmungen induzieren kann: Bei ruhiger Musik entspannen wir, bei einem Allegro werden wir aktiv. Mittels EEG (Elektroenzephalogramm), mit dem Gehirnströme quasi in 'Echtzeit' gemessen werden, kann man seit einigen Jahren diese stimmungsinduzierende Wirkung auch neurophysiologisch nachweisen: Die Wellenmuster des Gehirns verändern sich unter dem Einfluss von Musik!
Wissenschaftler vom Science & Technology Directorate des US-Department of Homeland Security gehen nun noch einen Schritt weiter und behaupten: 'Jedes Gehirn hat seinen eigenen Soundtrack.' Tempo und Melodie variieren dabei in Abhängigkeit der Stimmung, der Tätigkeit und dem Aufbau des Gehirns selbst.
Das Erstaunliche: Diesen Soundtrack kann man in bestimmten Stimmungen aufzeichnen, in musikalische Signale übersetzen und wieder abspielen, um damit wiederum die gleichen Stimmungen zu induzieren: Das entstandene Biofeedback könnte zum Beispiel in naher Zukunft bei der Therapie von depressiven Erkrankungen genutzt werden. Oder man könnte den optimalen 'Alarm-Soundtrack' eines Feuerwehrmannes aufnehmen und ihn in entsprechenden Krisensituationen wieder abspielen (falls er ihn dann noch braucht).
Darüber hinaus hat jedes Gehirn einen Ruhe-Track, der bei völliger Entspannung entsteht und laut den Wissenschaftlern zur Entspannungsinduktion genutzt werden kann.
Ein Beispiel für eine solche "Gehirnkomposition" finden Sie unter folgendem Link:
Hörprobe Brainmusic Active
Der große Nutzen von Musik scheint also tatsächlich darin zu bestehen, uns in Stimmungen und Zustände zu versetzen, die optimales Verhalten bewirken. Evolutionäre Psychologen vermuten, dass sich die Liebe zur Musik gleichzeitig mit der Sprache entwickelte, weil beide in etwa dieselben Hirnregionen beanspruchen.
So gesehen wäre die Evolution der Musik ein Nebenprodukt der für die menschliche Spezies so wichtigen Sprachentwicklung. Womit auch die Frage nach der schönsten Nebensache der Welt endgültig geklärt wäre.
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Quelle: http://hsdailywire.com/single.php?id=7859
Mittwoch, 13. Mai 2009
Psychologische Begriffe: Ihre Erklärung, ihr Nutzen für Sie

Der Kreis "drängt" zur Abgeschlossenheit. Fast zwangsläufig fällt unser Blick auf die Lücke. Innerlich versuchen wir, "den Kreis zu schließen" - uns vorzustellen, wie er wohl vollständig aussieht. Ein ganz normales psychologisches Phänomen. Mit großen Auswirkungen.
Die russische Psychologin Bljuma Wulfowna Zeigarnik untersuchte bereits 1927 die Nachwirkungen von unabgeschlossenen Handlungen. Ihr folgenreichstes Ergebnis: Unabgeschlossene Handlungen werden besser erinnert als abgeschlossene Handlungen!
In ihren Experimenten gab sie ihren Versuchspersonen viele kleine Aufgaben. Dann unterbrach sie die Hälfte ihrer Versuchspersonen bei der Erledigung der Aufgaben. Die andere Hälfte durfte die Aufgaben abschließen. Nach einiger Zeit befragte sie beide Gruppen, an wie viele Aufgaben sie sich jeweils erinnerten. Und obwohl sie sich für kürzere Zeit mit den Aufgaben beschäftigt hatten, erinnerten sich diejenigen weitaus besser, die die Aufgaben nicht abgeschlossen hatten!
Damit wurde experimentell gezeigt, was Sigmund Freud schon 1901 intuitiv behauptet hatte: Unerfüllte Wünsche und nicht realisierte Handlungen bleiben mit Macht im Gedächtnis zurück. Sie melden sich, stärker noch als unsere abgeschlossenen Erlebnisse, zurück. Sei es im Traum, bei freien Assoziationen oder bei den sogenannten 'Freud´schen Versprechern'. Kurz: Sie beschäftigen uns weiter.
Zeigarnik erklärte diesen Effekt mit der Feldtheorie Kurt Lewins, die damals sehr populär war (und wesentlich wissenschaftlicher als Freud) und heute wieder eine Renaissance erlebt. In ihr wird menschliches Verhalten als das Produkt von wechselseitigen Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt beschrieben.
Auf Grund dieser sich ständig ändernden Beziehungen ist menschliches Verhalten dynamisch. Es existieren zu jedem Zeitpunkt Spannungen zwischen verschiedenen Person- und Umweltbereichen, die uns zu Handlungen oder Gedanken verleiten. Diese Spannungen aüßern sich uns als Bedürfnisse.
Der von Bljuma Wulfowna Zeigarnik entdeckte Zusammenhang zwischen Bedürfnissen, unabgeschlossenen Handlungen und der Macht der Erinnerung ist als "Zeigarnik-Effekt" bekannt geworden.
Wir unterliegen diesem Effekt täglich, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Auch ein Grund dafür, dass wir uns ab und zu Zeit nehmen sollten, uns unserer Bedürfnisse und Wünsche bewusst zu werden. Was beschäftigt Sie? Was sind Ihre unabgeschlossenen Handlungen? Wie sieht Ihre persönliche Bedürfnispalette aus?
Was können Sie tun?
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Donnerstag, 9. April 2009
Unsere unterbewusste Alarmanlage
Forscher des Max Planck Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften wollten herausfinden, zu welchem Zeitpunkt bei der Handlungsplanung vom Gehirn Fehler entdeckt werden. Mit einem erstaunlichen Ergebnis: Die Fehler werden bereits vor der Ausführung entdeckt.
Sie schlossen für ihre Untersuchung Klavierspieler an ein EEG-Geraät an. Mit Hilfe von EEG können auf der Kopfoberfläche Spannungsschwankungen erfasst werden, die neuronale Aktivität in bestimmten Hirnregionen widerspiegeln. Durch die gute zeitliche Auflösung des Verfahrens kann man dem Gehirn praktisch wie bei einem Livestream "online" beim Arbeiten zusehen.
Während die Klavierspieler Tonleitern übten, zeichneten die Wissenschaftler ihre Gehirnaktivität auf. Bis zu 100 Millisekunden, bevor die Pianisten einen Fehler machten, änderten sich dabei die Muster in bestimmten Hirnregionen, vermutlich solchen, die für motorische Handlungsplanung oder Gedächtnis zuständig sind.
Die Untersuchung verdeutlicht ein Prinzip, das sich über viele Situationen und Handlungen erstreckt: Die meisten unserer Aktionen und Reaktionen laufen zunächst unbewusst ab, erst danach werden sie bewusst überdacht und können eventuell auch bewusst verhindert werden. Die Forscher sprechen dabei von "Verhaltensinhibition". Ein weiteres Beispiel ist eine Schlange am Wegrand. Wir zucken zurück, bevor wir die Schlange bewusst wahrnehmen! Ist es auf den zweiten Blick eine Gummischlange (diese Einordnung setzt komplizierte Kategorisierungsprozesse unseres Gehirns voraus), können wir uns wieder nähern. Unser ängstliches Verhalten wird damit bewusst 'inhibiert'.
Auch in sozialer Interaktion und Kommunikation sind wir uns unserer Fehler oft nicht bewusst, spüren aber 'intuitiv', dass etwas nicht passt. Diese Intuition kann nachträglich bewusst überprüft werden - sofern man die Gesetze interpersoneller Kommunikation kennt.
gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Quelle: Maidhof C, Rieger M, Prinz W, Koelsch S (2009) Nobody Is Perfect: ERP Effects Prior to Performance Errors in Musicians Indicate Fast Monitoring Processes. PLoS ONE 4(4): e5032. doi:10.1371/journal.pone.0005032
Mittwoch, 25. März 2009
Angst kommt vor Zuneigung - zumindest zeitlich gesehen
Sie wollen vom Bürgersteig über die Straße auf die andere Seite. Dafür müssen Sie zunächst über den Radweg. Sie unterhalten sich angeregt mit Ihrer Begleiterin und blicken dabei in ihr Gesicht. Obwohl Sie den Radweg kurz vorher auf Radfahrer gecheckt haben, schrecken Sie plötzlich zurück. Keine Sekunde später bemerken Sie den erschrockenen Gesichtsausdruck Ihrer Begleiterin und im gleichen Moment fährt etwas ganz nahe an Ihnen vorbei (und beschimpft Sie vermutlich). Wo kam der her? Gut reagiert.
Wir bemerken Anzeichen von Gefahr im Gesicht unseres Gegenübers, bevor uns diese bewusst werden - und zwar in weniger als 40 Millisekunden. Diese Schnelligkeit der Verarbeitung von negativer Mimik und Gestik verschafft uns vermutlich einen evolutionären Vorteil: Auf Bedrohungen kann sofort und "intuitiv", also ohne Einschalten des Bewusstseins reagiert werden. Die Amygdala, eine Hirnregion, die auf das Erkennen negativer Emotionen spezialisiert ist, leitet Sinneswahrnehmungen quasi gleichzeitig an unsere Beine und die bewusstseinszugänglichen Gehirnregionen des Kortex weiter, die erst dann anschließend eine (vergleichsweise langwierige) Bewertung der Gefahrensituation vornehmen.
Man kann auch sagen: Wir sind quasi evolutionär darauf programmiert, primär negative Emotionen erkennen und schnell verarbeiten zu wollen, weil sie überlebensrelevant sein könnten. Angst wird deutlich schneller verarbeitet als Freude, Zorn wird schneller in Handlungen umgesetzt als Zuneigung. In gleicher Weise ist auch unsere Aufmerksamkeit darauf genetisch programmiert, Zeichen für Unmut, Trauer, Gefahr und schlechte Stimmung aus der Umwelt herauszuschälen. Menschen nutzen das unbewußt teilweise sogar gezielt aus, indem sie sich durch Jammern oder Lärm die Aufmerksamkeit anderer sichern. Und, negative Gefühle sind ansteckend: In einer gespannten Atmosphäre ist man "unwillkürlich" auch angespannter. Jemand, der ständig jammert, "zieht uns runter", obwohl wir vielleicht in guter Stimmung waren. Wenn wir es zulassen.
i.A. Dr. Stephan Lermer
Quelle: Yang, E. (2008). Fearful expressions gain preferential access to awareness during continous flash suppression. Emotion, 7 (4), pp. 682-686
Dienstag, 24. März 2009
Obama jetzt sogar mit Heiligenschein - Zur Macht unbewusst aufgenommener Information
Vieles, was um uns herum passiert, fällt demnach zunächst unserer selektiven Aufmerksamkeit zum Opfer. Wir richten unseren Fokus auf bestimmte Dinge und blenden dafür andere Dinge aus. Trotzdem werden einige der ausgeblendeten Informationen unbewusst weiter verarbeitet und beeinflussen letztlich unsere Einstellungen, (Vor-)urteile, Entscheidungen und Handlungen.
Ein gutes Beispiel für unbewusste Beeinflussung bietet ein Bild der AP vom U.S. Präsidenten Obama, das im Moment so oder so ähnlich in einigen aktuellen Presseartikeln erscheint:

Manche Leser sehen den "zufälligen" Heiligenschein bewusst, aber auf alle Leser wirkt er unbewusst. Mit dieser unbewussten Wahrnehmung ergeben sich auch unbewusste Informationsverarbeitungsschritte, die mächtig genug sind, Einstellungen und Handlungen zu beeinflussen. Vielleicht wirkt Präsident Obama nach der Lektüre dieses Artikels auf manche Leser - unabhängig vom Inhalt (!) des Artikels - ein Stückchen größer, erhabener, charismatischer oder heilsbringender.
Donnerstag, 19. März 2009
Verbessern Sie Ihre Aufmerksamkeit und Entscheidungskompetenz
Bitte klicken Sie auf das Bild, wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit testen wollen. Sie werden auf Youtube weitergeleitet.

Geschwindigkeit und Informationsfülle bestimmen oft genug unsere Entscheidungen. Ein Schlüssel zum erfolgreichen Umgang mit Entscheidungssituationen ist eine wache, bewusste, aufmerksame Haltung. Welche unglaublichen Möglichkeiten der Informationsaufnahme uns zur Verfügung stehen und wie wenig Information wir davon bewusst verarbeiten, zeigten Forscher um den Psychologen Norretanders 1998: Über seine Sinnesorgane ist der Mensch fähig, in jedem Augenblick unzählige Informationen aufzunehmen. Von den 11 Millionen bits unbewusst aufgenommener Information pro Sekunde verarbeiten wir aber lediglich 40 bits pro Sekunde bewusst. Der Rest wird sofort ausgesteuert oder unbewusst verarbeitet und gespeichert.
Sie können Ihre Entscheidungskompetenz erhöhen, indem Sie Ihre Aufmerksamkeit für das, was um Sie herum vorgeht verbessern.
Informationen darüber, wie Sie Ihre Aufmerksamkeit bei bestimmten Dingen oder für Personen verbessern können, gibt es auch in unseren Blog-Beiträgen vom 9. März und vom 26. Februar. Oder besuchen Sie unser Seminar "Future Skills". Mehr dazu unter www.lermer.de
Mittwoch, 11. März 2009
Vertrauen durch Wärme: Es kann ab und zu so einfach sein …
Die positive Macht unbewusster Assoziationen haben die Forscher Lawrence Williams und John Bargh auf ebenso einfache wie eindrucksvolle Weise empirisch belegt.
John Smith ist intelligent, attraktiv, fleißig, vorsichtig. Und kalt. Würden Sie gerne mit John Smith befreundet sein? Nein? Warum nicht? Wahrscheinlich wären Sie wie viele andere Menschen eher bereit, Freundschaft mit John zu schließen, wenn er intelligent, attraktiv, fleißig, vorsichtig und „warmherzig“ anstatt „kalt“ wäre.
Die Persönlichkeitseigenschaft „Wärme“ spielt eine wichtige Rolle bei sozialem Urteilen. Wärme suggeriert Freundlichkeit und Geborgenheit, Zugehörigkeit und Wohlbefinden. Diese Assoziation bildet sich bereits in frühester Kindheit, wenn wir zum Beispiel wärmenden Schutz zuhause nahe bei Mutter oder Vater finden.
Williams und Bargh zeigten nun, dass schon das Empfinden von Wärme dazu führt, dass wir andere Menschen positiver beurteilen.
Sie baten die Hälfte Ihrer Probanden, kurz eine Tasse warmen Kaffee in der Hand zu halten, bevor Sie einen Fragebogen ausfüllten, in dem sie die Persönlichkeit des Untersuchungsleiters einschätzen sollten.
Die andere Hälfte der Probanden bekam vor dem Fragebogen einen Eiskaffee zum kurz halten ausgehändigt.
Das Ergebnis: Bei den „gewärmten“ Versuchspersonen kam der Untersuchungsleiter viel besser weg. Die Wissenschaftler vermuten, dass sowohl Temperatur als auch soziale Emotionen in der gleichen Hirnregion verarbeitet werden - und zwar in der Insula bzw. Inselrinde, eine Region der Großhirnrinde, die eigentlich für Hunger, Durst und Nikotinsucht zuständig ist.
Fazit: Empfindungen wie von Geborgenheit, Wohlwollen, Bindung etc. sind mit dem Empfinden von Wärme aufs Engste miteinander verbunden.
Das spannende Experiment wurde ausgeweitet: Die Teilnehmer bekamen nun verschieden temperierte Kühlpackungen in die Hände gedrückt. Die Aufgabe bestand darin, ein Geschenk weiterzuschenken oder für sich selbst zu behalten.
Wie vermutet behielten diejenigen mit den kalten Händen die Geschenke lieber für sich selbst, wohingegen die „gewärmten“ Probanden bereit waren zum großzügigen Verschenken.
„Gibs aus der warmen Hand“ bekommt nach diesen empirischen Forschungsergebnissen der wissenschaftlichen angewandten Psychologie plötzlich eine ganz neue Bedeutung.
Die warme Hand will geben: Positive Einschätzungen wie physisch reale Geschenke.
Systemisch und energetisch gesehen ebenso einleuchtend wie konstruktivistisch:
Wer im Plus ist, weil psychophysiologisch gewärmt, wird tatsächlich positiver und sozialer.
Quelle:
Montag, 9. März 2009
Stimmt das mit dem Erwerb kommunikativer Kompetenzen durch Gesten? JA, sagt die Neurobiologie.
Von neuronaler Platizität, Sensitiven Phasen und Spiegelneuronen
Bereits vor dem Tag unserer Geburt sind wir fähig zu kommunizieren. Wir treten in Interaktion mit unserer Umwelt, ganz gleich was wir tun.
a) Bereits vor der Geburt und in den ersten Lebensmonaten ist zunächst die rechte Gehirnhälfte für die Sprachentwicklung wichtig. Der Säugling lernt, sich in seiner kommunikativen Umwelt zu orientieren. Er sucht aktiv Orientierung an Kommunikationssignalen insbesondere der Mutter und reagiert auf Gefühlsaüßerungen. Er beginnt, selbst Lautäußerungen zu koordinieren. Zeigen Sie in dieser Phase Ihre Gefühle, suchen Sie Körperkontakt, schauen Sie das Kind an und geben Sie eindeutig verständliche Rückmeldungen.
b) Bis zum 20. Monat wird der Wortschatz vergrößert. Hier werden vor allem die ungeheuer vielen synaptischen Verbindungen, die in dieser Zeit entstehen genutzt, um Wörter, Gesten und Mimik zu lernen und sinnvoll zu verbinden. Reden Sie in dieser Zeit viel mit dem Kind und gehen Sie auf das Wissen ein, das es bereits besitzt. Das Kind kann so neues Wissen mit altem Verknüpfen. Es lernt, neue Begriffe sinnvoll einzubinden.
c) Vom 20.-25. Monat bis zum Alter von 3 Jahren lernt das Kind unbewusst, die grammatische Struktur der Muttersprache zu entschlüsseln. Achten Sie darauf, dass Sie selbst Grammatik und Wortwahl konsistent und korrekt benutzen.
3. Spiegelneuronen: In nahezu allen Gehirnregionen fanden Forscher in den letzten Jahren Nervenzellen, die ein faszinierendes Verhalten zeigen: sie reagieren nicht nur auf eigene Aktivitäten, sondern auch auf Dinge, die andere Menschen tun und sagen. Man nimmt an, dass diese Neuronen dafür verantwortlich sind, dass Kinder ein eigenes Bewusstsein erhalten. Und dass Kinder auf Grund dieser Zellen fähig sind, durch Nachahmung zu lernen. Die meisten dieser Zellen wurden bislang unterhalb des so genannte prämotorischen Areals, das für Handlungsplanung und –steuerung zuständig ist, entdeckt. Und zwar innerhalb einer Hirnregion, die für das Sprechen zuständig ist. Die wichtigste Aufgabe der Spiegelneuronen könnte demnach sein, Kommunikation zu lernen und zu üben. Besonders in den ersten Lebensjahren bilden die Spiegelneuronen viele synaptische Verbindungen aus. Die Spiegelzellen sind ein Beleg dafür, dass Kleinkinder vieles durch Beobachtung ihrer Bezugspersonen lernen.
Seien Sie also ein gutes Vorbild: Kommunizieren Sie deutlich und kommunizieren Sie ehrlich. Zeigen Sie Ihrem Kind, wie es erfolgreiche Kommunikation lernen und anwenden kann. Nutzen Sie Ihr Wissen um Ihre eigene kommunikative Kompetenz und geben Sie es Ihren Kindern weiter.
Bates, E. (1999). Plasticity, Localization and Language Development. In: Broman, S., and Fletcher, J. (1999). The Changing Nervous System.
John L. Locke (1993). The Child's Path to Spoken Language. Harvard U Press