Freitag, 6. März 2009

Kindlicher Spracherwerb durch Gesten – Was können Eltern und Großeltern tun?

Im Blog-Beitrag von gestern, 5.3.09 berichteten wir von einer Studie der University of Chicago, in der die Gesten der Kinder ihre eigene Sprachentwicklung fördern: 14 Monate alte Kleinkinder, die ca. 25 verschiedene Gesten beherrschen, haben später im Alter von viereinhalb Jahren durchschnittlich ein Vokabular von 114 Wörtern. 14 Monate alte Kleinkinder, bei denen nur ca. 15 verschiedene Gesten beobachtet wurden, können dreieinhalb Jahre später lediglich durchschnittlich 93 Wörter. Die Schere klafft mit zunehmendem Alter immer weiter auseinander. Es ist anzunehmen, dass sich die frühen Defizite im nichtverbalen Ausdruck auf die gesamte Kommunikationsfähigkeit eines Menschen auswirken.

Was können Eltern und andere nahe Bezugspersonen tun, um den Spracherwerb der Kinder schon früh zu fördern?

Die erste Regel lautet: Fördern Sie die Gesten, die Ihre Kinder machen, um etwas zu benennen. Sagen Sie zum Beispiel: „Ja, das ist ein Hund.“ Beschreiben Sie den Hund mit Ihren Worten für das Kind („Er macht wau-wau…, jetzt schäft er…“). Damit verstärken Sie aktiv die Kommunikationsfähigkeit der Kinder und das Benutzen von Gesten. Reagieren Sie auf die Gesten, die die Kinder machen und zeigen Sie den Kindern, dass Kommunikation sich lohnt, indem Sie freundlich sprechen und dabei lächeln. Verstärken Sie Gesten der Kinder bereits bevor Sie sprechen können mit sprachlichen Äußerungen. So lernen diese, dass verbale Kommunikation wichtig und sinnvoll ist.

Die zweite Regel: Seien Sie ein gutes Vorbild. Kinder profitieren gerade beim Spracherwerb extrem vom sogenannten Modelllernen. Sie imitieren Ihre Kommunikationsmuster, wenn sie der Meinung sind, dass diese Muster ihnen nutzen. Wenn Sie viel und oft Dinge benennen und verbal beschreiben, wird sich der Spracherwerb schneller vollziehen. Wenn Sie selbst Gestik und Mimik einsetzen, um Kommunikation effektiver zu gestalten, wird Ihr Kind das auch verstärkt tun – und seinerseits erfolgreicher kommunizieren.

Die dritte Regel: Gönnen Sie Ihren Kindern auch ab und zu Stille. Überfluten Sie sie nicht mit Information. Kinder brauchen die Stille, um Gelerntes zu „konsolidieren“. Umgangssprachlich sagt man, man sollte neu gelernte Dinge erst „sich setzen lassen“, damit sie später „sitzen“ und man sie erfolgreich anwenden kann. Kinder brauchen auch Zeiten der Stille, damit sie all das, was sie zuvor gehört haben, verarbeiten können. Schlecht wäre zum Beispiel, pausenlos den Fernseher laufen zu lassen. Gut dagegen, die Kinder auch einmal still vor sich hin spielen oder einfach schlafen zu lassen. Um dann wieder sprachlich und körpersprachlich mit ihnen zu kommunizieren.

Die Psychologinnen Susan Goldin-Meadow und Meredith Rowe von der University of Chicago untersuchten in einer Langzeitstudie den Zusammenhang von Gestik und Spracherwerb und deckten dabei auch gravierende Mängel bei der Kommunikation mit Kleinkindern auf. Der Spracherwerb von Kindern leide oft unter Stress, Zeitdruck und teilweise Interesselosigkeit der Eltern. Sie empfehlen, die Kommunikation mit Kindern bewusst zu suchen, denn von gelungenen Interaktionen profitieren nicht nur die Kinder, sondern unmittelbar auch Erwachsene. Wer ist nicht stolz und glücklich, wenn er erfolgreich mit Kindern kommuniziert, ihnen etwas beibringen kann oder sie zum Lächeln bringt?

Im nächsten Blog-Beitrag erfahren Sie einige biopsychologische Hintergründe des Spracherwerbs.

Quelle: Rowe, M, Goldin-Meadow, S, Ocskaliscan, S (2008). Learning words by Hands: Gesture´s role in predicting vocabulary development. First Language, 28 (2), pp. 182-199

Donnerstag, 5. März 2009

Mit Händen und Füßen – Gesten vergrößern den Wortschatz bei Kleinkindern

„Gesten pflastern den Weg für die Sprachentwicklung“ behauptet Jana Iverson von der University of Pittsburgh fest. Zusammen mit ihrer Kollegin Susan Goldin-Meadow hat sie Kleinkinder in der ersten Phase ihrer Sprachentwicklung beobachtet. Sie stellte dabei fest, dass Kinder, die gestenreich kommunizieren schneller damit anfangen, aus einzelnen Wörtern erste Sätze zu formen. Ein wichtiger Schritt in der Sprachentwicklung, denn Kinder spüren schnell, dass sie oft nur durch die sinnvolle Aneinanderreihung von Wörtern wirklich das bekommen, was sie wollen.

Kleinkinder benutzen Gesten, bevor Sie sprechen können. Sie beginnen normaler Weise mit 9-12 Monaten, erste zielgerichtete Gesten auszuführen, meistens indem Sie auf bestimmte Objekte (Auto, Papa) zeigen. Wenn sie zu sprechen beginnen, kombinieren sie ihre Gesten zum Zweck erfolgreicher Kommunikation oft mit den passenden Worten. Der nächste Schritt besteht darin, auf Objekte zu zeigen und bestimmte Eigenschaften zu erwähnen (z.B. auf einen schlafenden Hund zu zeigen und „müde“ zu sagen). Darauf hin folgen 2-Wort-Kombinationen („Hund müde“).

In der Studie begannen Kleinkinder, die mehr und aktiver gestikulierten, früher als andere Kinder 2-Wort-Kombinationen und sinnvolle Sätze zu entwickeln.

Die Verbindung von Gesten und erfolgreicher Kommunikation setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort. Wie Blickkontakt, Mimik und Körperhaltung ist auch die Gestik Teil der sogenannten nichtverbalen Kommunikation. Mit ihrer Hilfe betonen wir bestimmte Inhalte und drücken Stimmungen aus. Kommunikationsforscher schätzen übereinstimmend, dass 55% aller Kommunikationsinhalte über nichtverbale Zeichen vermittelt werden. Das Training nichtverbaler Kommunikation nimmt damit eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von kommunikativer Kompetenz ein. Schon bei Kleinkindern ist diese Entwicklung messbar.

Quellen:

Iverson, J., Goldin-Meadow, S. (2005). Gesture Paves the Way for Language Development. Psychological Science,16 (5), pp. 367-371

Lermer, S. (2005). Kommunikative Kompetenz. In : Von den Besten profitieren, GABAL

Mittwoch, 4. März 2009

Wer rastet, der rostet - Sport trainiert auch das Gedächtnis

„In letzter Zeit fühle ich mich müde. Ich habe Kreislaufprobleme. Ich kann mir nichts mehr merken.“

Klar, viele Ursachen können hinter Gedächtnisstörungen stecken, aber die beste „Therapie“ gegen leichte Erinnerungsdefizite umfasst immer eine gesunde Portion Fitness.

Forscher der University of Melbourne haben nun herausgefunden, dass bereits zweieinhalb Stunden Sport pro Woche die Erinnerungsfähigkeit stärken. Die Wissenschaftler verschrieben ihren Probanden 3x pro Woche leichte körperliche Betätigung. Im Vergleich zu Probanden ohne Sportprogramm schnitten sie nach 6 Monaten wesentlich besser bei Tests ab, die allgemeine Gedächtnisleistungen und Gedächtnisschwäche messen.

Sportprogramme werden inzwischen vielfach sinnvoll in Prävention und Behandlung von progressiven degenerativen Erkrankungen des Gehirns eingesetzt, so z.B. bei der Alzheimer-Erkrankung.

Bewegung stärkt nicht nur Muskeln und Gehirn, sondern auch unser körpereigenes Abwehrsystem. Bei der Therapie von Depression sind Fitnessprogramme seit Jahren integraler Teil der Behandlung. Sinnvoll ist vor allem, sich einen gesunden Trainingsplan aufzustellen, der sportliche Aktivitäten strukturiert und weder über- noch unterfordert. Auch im Psychologischen Coaching wird Sport berücksichtigt: Fit sein heißt leistungsfähig sein und flexibel auf Herausforderungen reagieren können – natürlich erfolgreich auf vielen Gebieten gleichzeitig.

Nutzen Sie also Sport auch präventiv als Gedächtnis-Training – solange Sie sich daran erinnern können…

Quellen:

Lautenschlager, N. et al. (2008). Effect of physical activity on cognitive function in older adults at risk for Alzheimer disease: a randomized trial. Journal of the American Medical Association, 9, 1027-1037

Lermer, S. Immunkraft. Econ-Verlag

Montag, 2. März 2009

Doodle do… – Kritzeleien erhöhen die Konzentration

Gehören Sie auch zu den Menschen, die während endlosen Telefongesprächen und Meetings beginnen, kleine Zettel zu bemalen? Herzlichen Glückwunsch, gute Strategie! Forscher der University of Plymouth haben herausgefunden, dass das Zeichnen von kleinen Bildern und Mustern während eintönigen Tätigkeiten offenbar die Konzentration fördert.

Jackie Andrade von der School of Psychology spielte ihren Probanden in einem kontrollierten Experiment eine ziemlich langweilige Telefonnachricht über eine Party und deren Gäste vor. Die Hälfte der Probanden durfte nebenher kleine Bildchen ausmalen, die andere Hälfte sollte einfach nur zuhören. Anschließend fragte die Forscherin die Namen der Partygäste und Orte ab, die in dem Telefongespräch genannt wurden. Das erstaunliche Ergebnis: Die zeichnenden Probanden erinnerten durchschnittlich 29% mehr Informationen!

Die Psychologin Andrade geht davon aus, dass uns das Kritzeln davon abhält, uns Tagträumen hinzugeben, die die Konzentration stören. Wer hat nicht schon mal während eines Meetings an die restlichen Termine des Tages gedacht oder den letzten Abend noch einmal Revue passieren lassen oder? Wer nicht zeichnet, erinnert sich später wesentlich schlechter an relevante Dinge. Wer aber etwas nebenbei „exteriorisiert“, also zum Beispiel visuell fixiert, bewirkt damit, dass die Aufmerksamkeit fokussiert und die Konzentration auf einem optimalen Level bleibt. Und verhindert Tagträume, die unsere Aufmerksamkeit verringern.

Quelle: Andrade, J. (2009). What does doodling do? Journal of Applied Cognitive Psychology, 2009

Freitag, 27. Februar 2009

"Schau mich an, wenn wir miteinander sprechen!" : Mal wichtig, mal grundfalsch

Teil 2: Feedback und Gedankenlesen via Augensprache – ein kleiner Lesekurs.

Eigentlich ist es wie beim Morsen: Um eine Nachricht zu übermitteln, müssen wir Signale senden; richtig verständlich wird die Nachricht aber erst durch gezielte Pausen, die wir einbauen, und durch Rückmeldung, ob und wie es angekommen ist. Für den Blickkontakt gilt dasselbe.

Stellen Sie sich vor, Sie erklären Ihrem Kind einen neuen Weg zur Schule: „Pass auf, Alexander, du gehst doch jeden Tag nach der Bräugasse nach links zur Unterführung.“ - „Ja“. – „Dort ist ab heute eine Baustelle. Du musst morgen nach rechts in die Sandstraße gehen und dann links…“ usw.

Alexander wird, wie die meisten Kinder, den Weg mit seinen Augen „abgehen“, während er sich erinnert, d.h. er wird aus Ihrer Sicht nach rechts oben blicken, wenn Sie die Unterführung erwähnen (er erinnert den gewohnten Weg und wird dabei von sich aus gesehen nach links oben blicken).

Und er wird – von Ihnen aus gesehen - nach links oben blicken, wenn Sie den neuen Weg erwähnen (er stellt sich die neue Route vor und schaut von sich aus gesehen dabei nach rechts oben).

Von sich aus gesehen also wie die Zeitachse:

Nach links (oben) = erinnern (Vergangenheit).

Nach rechts (oben) = vorstellen (Zukunft).

An seinem Blickverhalten erkennen Sie, ob Alexander Ihnen folgen kann oder nicht. Er meldet Ihnen also unbewusst zurück, dass er Sie verstanden hat. Sie nehmen diese Meldung ebenso unbewusst auf und reagieren, indem Sie den nächsten Schritt des neuen Weges erklären.

Würde er nach der veralteten Rüge: „Schau mir in die Augen, wenn ich Dir etwas erkläre!“ starr Blickkontakt halten müssen, würde er das Gehörte nur kurzfristig nacherzählen können. In seine Gehirn-Bilderwelt wäre es nicht eingebrannt. Darf er jedoch das Gehörte in seine Gehirnsprache übersetzen und dort einbauen, wo es auch nachhaltig verankert wird – die Augenbewegungen begleiten diesen Vorgang - hat er es gelernt. Das update ist gelungen.

Dieses Gedankenlesen über die Augensprache ist auch als eine Art Lügendetektor einzusetzen: Soll er Ihnen berichten, über welches Thema der Pfarrer gepredigt hat sieht Alexander von sich aus nach links oben (erinnert).

War er jedoch gar nicht in der Kirche und flunkert Ihnen ein ausgedachtes Thema vor, wird er von sich aus nach rechts oben blicken (konstruiert).

Natürlich gibt es noch eine Menge anderer Signale, die Verständnis oder Unverständnis signalisieren. Der Blickkontakt jedoch – der Dialog über unsere wichtigsten Sinnesorgane, die Augen - ist essentiell. Beispielsweise sehen wir oft kurz weg und kneifen die Augen zusammen, wenn uns jemand etwas Kompliziertes erklärt. Und wenn wir selbst jemandem einen schweren Sachverhalt näherbringen wollen, heben wir wichtige Dinge hervor, indem wir die Augen unseres Kommunikationspartners intensiv fixieren. Signalisiert uns unser Gesprächspartner Verständnis, wenden wir unseren Blick kurz ab, um ihm eine Pause zu gönnen, ihm zu sagen: „Das was jetzt kommt, weißt du vermutlich schon, ich sehe dich gleich wieder an, wenns wichtig wird!“

Kommunikation durch Blickkontakt steuern zu können ist in erstaunlich kurzer Zeit lernbar. Voraussetzung für die Steuerung ist aber zunächst, dass Sie ihre eigene Wahrnehmung schulen, damit Sie den Augenkontakt richtig interpretieren können.

Quellen:
Lermer, S. (2005). Kommunikative Kompetenz. Von den Besten Profitieren. Gabal Verlag

Fachbücher Neurolinguistisches Programmieren (NLP)

Donnerstag, 26. Februar 2009

"Schau mich an, wenn wir miteinander sprechen!" : Mal wichtig, mal grundfalsch!

Teil 1: Blickkontakt – Fundament einer guten Kommunikation

Als kleines Kind haben wir wohl alle einmal diesen Satz gehört. Und damit einen ganz essentiellen Faktor effektiver Kommunikation gelernt. Unser Blickkontakt signalisiert dem Gegenüber, dass wir aufmerksam sind, er schafft Vertrauen und Beziehung.

Der Hörer „sagt“ damit in einer Kommunikationssituation dem Sprecher, dass er sich ganz auf ihn und die Botschaft konzentriert. Der Sprecher unterstreicht mit seinem Blickkontakt die Botschaft, die er übermitteln will: Er gibt ihr emotionale Tönung, signalisiert dem Hörer, dass die Botschaft für ihn bestimmt ist, dass der Inhalt wichtig ist und zeigt allgemein Wertschätzung.

Blickkontakt beim Sprechen steht in direkter Verbindung zu emotionsverarbeitenden Strukturen des Gehirns. Untersuchungen von Forschern am California Institute of Technology zeigten, dass Personen, die eine Verletzung der Amygdala (ein emotionsrelevantes Zentrum im vorderen teil des Scheitellappens) erlitten haben, weniger Blickkontakt halten, Botschaften schlechter kommunizieren und häufiger Dinge falsch verstehen.

Gerade als Sprecher nutzen wir das wichtige Kommunikationsmittel Blickkontakt nicht genügend aus. Wir sehen oft zu Decke, zum Boden, zum Fenster hinaus, wenn wir wirklich wichtige Inhalte vermitteln wollen. Als Hörer blicken wir die Sprecher zu 75% der Zeit an, in der wir kommunizieren. Als Sprecher unsere Zuhörer lediglich zu 40%. Mangelnder Blickkontakt wird vom Hörer jedoch oft als Unsicherheit interpretiert. Weil der Hörer zunächst nicht weiß, welche Schlüsse er aus dem unsicheren Verhalten ziehen soll, ergeben sich für ihn 2 Möglichkeiten: Entweder er interpretiert den Inhalt der Botschaft als nicht vertrauenswürdig. Oder er vermutet, dass sich der Sprecher selbst über den Wahrheitsgehalt der Botschaft nicht sicher ist.

Blickkontakt suggeriert Vertrauen. Erfahrene Redner und Entscheider, die jeden Tag viele formale und informelle Gesprächssituationen meistern müssen, wissen um die Macht des Augenkontakts. Dennoch kann jeder mit Hilfe eines erfahrenen Coaches sein Blickverhalten verbessern. Der erste Schritt dabei ist, sich selbst seiner Kommunikationsfehler bewusst zu werden, um dann systematisch seine eigene Kommunikationskompetenz einzusetzen. Lernen Sie, kontinuierlich Blickkontakt herzustellen und vermeiden Sie es, mit Ihren Blicken in unpassenden Augenblicken in die Ferne zu schweifen. Ein kleiner Kommunikationstipp: Fixieren Sie nicht die Augen Ihres Gegenübers, sondern seine Nasenwurzel. Dadurch wirkt ihr Blick nicht so intensiv.

In manchen Situationen ist es allerdings falsch, stur Blickkontakt zu halten. Erfahren Sie morgen, wie und wann Sie gezieltes Wegschauen einsetzen können, damit Kommunikation interessanter und effektiver wird.

Quellen:

Lermer, S. (2005). Kommunikative Kompetenz. Von den Besten Profitieren. Gabal Verlag

Spezio, M., Po-Yin, S., Castelli, F., and Adolphs, R. (2007). Amygdala Damage Impairs Eye Contact During Conversations with Real People. The Journal of Neuroscienc, 27 (15), pp. 3994-3997

Mittwoch, 25. Februar 2009

Was ist Glück?

TV-Interview mit Dr. Lermer
(BR 2008, Auszug - ca. 90 sec.)




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Sex im Alter – verklärt, verleugnet, unterschätzt?

Neben ihrem Künstlerdasein haben Goethe, Tina Turner, Marlon Brando und Picasso noch eine markante Gemeinsamkeit: Ihnen wird – vermutlich mit einem wohlwollenden Schmunzeln – Alterssex zugebilligt. Um danach zu konstatieren: Ausnahmen bestätigen die Regel, die da heißt, dass Sex im Alter für viele nicht vorstellbar ist.

Die Lust auf Liebe wird ähnlich interpretiert wie die Sehschärfe im Alter: Sie lässt eben nach. Dabei zeigte der „Starr-Weiner-Report“ schon in den 80er Jahren, dass die Vorurteile über körperliche Nähe im Alter nicht stimmen. Die umfangreiche Befragung von älteren Paaren ergab, dass rund ein Fünftel aller Paare über 60 Jahre mindestens einmal pro Woche miteinander schlafen.

Andreas Dresens Drama „Wolke9“ (2008) hat ein Tabu gebrochen, Liebe und Lust im Alter sind wieder zum Thema geworden. Die Erkenntnis, dass sich Wünsche und Neigungen bei Liebe und Sexualität im Laufe des Lebens entwickeln und nicht plötzlich mit 65 Jahren verschwinden, ist nicht neu. Mit Anfang 70 schlafen noch 35% der Paare miteinander. Auch wenn hormonelle Veränderungen wie verminderte Testosteronproduktion und Medikamente wie Betablocker gegen Bluthochdruck nachgewiesenermaßen das sexuelle Verlangen mindern, bleiben erotische Fantasien und Träume weitgehend unverändert. Auch die Praktiken passen sich an. Das Teilen von Fantasien, ausgedehnte körperliche Nähe und andere Möglichkeiten, den Partner oder sich selbst zu befriedigen, erweitern das Lust-Repertoire und lassen den Angaben aus umfangreichen Studien zufolge die Sexualität im Alter sogar noch besser werden.

Interessant ist, dass der Hauptgrund für geringere und unbefriedigende sexuelle Aktivitäten im Alter nicht etwa körperliche Probleme sind, sondern psychische: Versagensangst und damit verbundener Rückzug führen oft zu geringem sexuellen Interesse und können sogar langfristige körperliche Störungen verursachen. Die Sorge, nicht mehr zu können, es nicht mehr wie früher zu bringen lässt viele zunächst an sich und dann am Sex zweifeln. Medikamentös kann hier oft nicht sinnvoll eingegriffen werden, das Mittel der Wahl stellt vielmehr eine kurzfristig angelegte Paarberatung dar. Der erste Schritt auf dem Weg zurück zu erfüllender partnerschaftlicher Zärtlichkeit sind oft Denkanstöße, gegenseitige Offenheit und gemeinsame geleitete Gespräche.

Es ist enorm wichtig, auch im Alter Sexualität nicht nur als Indikator für eine gute Beziehung anzusehen, sondern vor allem auch als eine Grundlage für eine erfüllte Beziehung zu betrachten. Viele Paare gehen im Alter offener mit der gemeinsamen Lust um und finden neue Wege der Erfüllung.

Primärquelle: Stüfel, H. (2009): Beim Sex haben wir die Evolution überholt
Sekundärquelle: Welt- Online Wissen (2009). Beim Sex haben wir die Evolution überholt. Empfangen am 20.02.2009

http://www.welt.de/wissenschaft/psychologie/article3120689/Beim-Sex-haben-wir-die-Evolution-ueberholt.html

Montag, 23. Februar 2009

Mann-Frau-Beziehung: Meinungsverschiedenheit contra Streit

(Dr. Stephan Lermer im BR: Radiointerview-09/2008)

Todesursache #1: Schlechte Entscheidungen

Robert L. Keeney, Entscheidungsforscher von der Duke University of North Carolina sagt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: Die Summe persönlicher Fehlentscheidungen führt zum frühzeitigen Tod.

Eine gewagte These? Nicht unbedingt, denn laut Keeney können 55% aller frühzeitigen Tode auf gravierende Fehlentscheidungen zurückgeführt werden, bei denen es wirklich bessere Alternativen gegeben hätte: Weniger Alkohol zu konsumieren, ein Kondom zu benutzen, das Rauchen aufzugeben, bestimmte Nahrungsmittel nicht haltlos zu verschlingen, einen Fahrradhelm zu tragen…

Doch nicht nur eigene Entscheidungen, sondern auch die anderer können tödlich enden: Alkohol am Steuer, Kriminelles Verhalten, unterlassene Hilfeleistung und Rauchen in Gegenwart anderer können mittelbar zum Tod führen. Nach Keeney hat in 6% aller frühzeitigen Todesfälle ein anderer bewusst schlecht entschieden. Im Mittelpunkt von Robert Keeney´s Mortalitätsstatistik stehen jedoch solche Entscheidungen, die unbewusst, wiederholt und konsequent getroffen worden sind, wie z.B. die nächste Zigarette zu rauchen, noch ein Bier mehr zu trinken oder heute doch keinen Sport zu machen.

Aufgrund seiner wissenschaftlichen Ergebnisse empfiehlt Keeney dringend Lehrangebote zum Thema „Entscheidungen“. Entscheidungskompetenz ist lernbar, Kosten-Nutzen-Überlegungen können verbessert werden, Willensstärke kann trainiert werden. Sowohl das Gesundheitssystem als auch jeder Einzelne kann immens von besseren Entscheidungen profitieren. Förderung der individuellen Entscheidungskompetenz erhält man bei Experten für menschliches Erleben und Verhalten, beispielsweise im Psychologischen Einzelcoaching.

Quellen: http://orforum.blog.informs.org/files/2009/01/keeney.pdf / http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch